Meinung : Noch satt vor Sieg

Die Kanzlerin beschert der CDU einen Triumph – der nicht ohne Risiken ist.

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Bis man’s selber richtig merkt, hat dieser Tage ein CDU-Abgeordneter gesagt, das dauert ein bisschen. Bei allem Jubel am Wahlabend erkennen die meisten Christdemokraten erst allmählich, was für einen Triumph ihre Kanzlerin ihnen beschert hat. Erst der Blick über die Wahlkreisgrenzen hinaus zeigt das ganze Ausmaß: Deutschland ist über Nacht ganz schön schwarz geworden.

Darin stecken Gefahren, aber zuerst ist festzuhalten: Für das Binnenleben einer Partei ist diese neue Stärke gar nicht zu überschätzen. Man ist wieder wer. Die Fraktion wimmelt von frischgebackenen Wahlkreiskönigen. Von kultureller Hegemonie von links spricht jenseits der Kabarettbühnen bis auf Weiteres niemand, und selbst dort wirken Mutti-Witze im Moment einfach nur schal. Wer lacht über die Vier-Finger-Raute – jetzt, wo sie zum Siegeszeichen geworden ist? Wir sind das Volk!

Der Erfolg kühlt auch einige innere Konflikte ab – womit wir langsam zu den Gefahren kommen. Merkel hat bewiesen, dass eine gesellschaftspolitisch modernisierte CDU zu 40-Prozent-Ergebnissen fähig ist. Davon haben auch Anhänger konservativer Fundamentalsätze profitiert. Trotzdem bleibt der Erfolg für sie getrübt. Ihr Hauptargument, dass nur Prinzipientreue die CDU retten werde und alles andere zum Untergang führe, ist nicht mehr haltbar.

Obendrein hat Merkel ihnen vorgemacht, wie moderner Konservativismus aussehen könnte: nicht ideologisch, sondern lebenspraktisch. Die meisten Menschen wissen schon, dass sich die Welt rasch weiter ändert. Sie finden das trotzdem nicht toll, hängen an den Konstanten ihres Lebens, das kleine Sparkonto eingeschlossen. Merkel hat diesen Unwillen zum Heroismus in das Versprechen übersetzt, den Wandel sanft zu gestalten.

Natürlich hat so ein Sieg über die Opposition im eigenen Lager seinen Preis. In Wählerstimmen gerechnet, ist er nicht hoch – die „Alternative für Deutschland“ hat bei anderen erheblich mehr geräubert. Trotzdem spukt jetzt am rechtskonservativen Rand eine Truppe rum, die sich als neue Heimat für alle anbietet, die mit dem weiteren Gang der Dinge unzufrieden werden.

Gut möglich, dass die AfD das Schicksal vieler Populisten ereilt – sie surfen rasch auf einer Welle nach oben, erweisen sich dort aber als Nichtschwimmer. Doch kann die Union darauf nicht vertrauen. Sie muss die Gefahr im Auge behalten, dass die Befriedung ihrer inneren Konflikte den Zulauf zu den Außerparlamentarischen eher bestärkt. Wenn die eigenen Konservativen nur noch machtsatt schnurren, bleibt dem wutbürgerlichen Protest von rechts noch weniger Platz in der CDU als heute schon.

Dafür stehen andere Konflikte vor der Wiederauferstehung. Der Wirtschaftsflügel, in der Koalition mit der FDP zur Wirkungslosigkeit verdammt, kann in einem Bündnis mit der SPD aufleben – zumal auf der Gegenseite der Sozialflügel ja ebenfalls Morgenluft wittert. Dass es beiden an starken Personen fehlt, kann sich ja ändern. Die CDU, satt vor Sieg – das bleibt eine Momentaufnahme. Und die CDU- Chefin sollte froh darüber sein.

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