Noel Martin : ''Ich will kein Exempel statuieren''

Der vor mehr als elf Jahren bei einem rassistischen Angriff schwer verletzte Brite Noel Martin hat dementiert, sich in Berlin umbringen zu wollen. "Den Stecker ziehen" will er dennoch - und vorher zieht es ihn noch einmal nach Deutschland.

Annette Kögel

Er kann scherzen, an guten Tagen, immer noch. „Ich schreibe gerade Weihnachtskarten, und eine der Herstellerfirmen heißt Noel, wie ich. Da fragen mich Leute manchmal: Hey Noel, ist das dein Laden? Schön wär’s.“ Sein Name Noel bedeutet Weihnachten, und er ist gerade wieder in aller Munde. Das ist dem Bericht einer Boulevardzeitung zu verdanken. Der soll der querschnittsgelähmte 48-Jährige aus Birmingham gesagt haben, dass er nach Berlin kommen wolle, um hier in den Freitod zu gehen.

Und weiter: Dignitate, der deutsche Ableger der Schweizer Sterbehilfe-Organisation Dignitas, wolle hierzulande ein Exempel statuieren, um die aktive Hilfe beim Suizid anschließend per Gerichtsverfahren möglicherweise für legal erklären zu lassen. So eine Aktion wäre ihm zuzutrauen, dem augenzwinkernden Philosophen, dem Antirassismus-Aktivisten. Schließlich hat er auch seinen Freitod nach Anfragen von Medienvertretern plakativ öffentlich gemacht – und den Termin an seinem 48. Geburtstag am 23. Juli 2007 doch auf unbestimmte Zeit verschoben.

Vor seinem Freitod will er eine zweite Stiftung, diesmal für benachteiligte junge Schwarze, gründen, da sei noch viel zu regeln. „In Deutschland versuchen sie jetzt wohl, mich als Politikum zu benutzen. Ich will aber kein Exempel statuieren“, sagte Martin gestern. Niemand als er selbst entscheide darüber, ob und wann er tatsächlich Schluss mache, „und das wird dort sein, wo es als legal anerkannt ist“.

Wenn, dann würde er sich zuerst für die Legalisierung in England stark machen. Er befürworte aber, dass Dignitate es auch in Deutschland schwerstkranken Menschen ermöglichen will, aus dem Leben zu scheiden. Tatsächlich will er, bevor „er den Stecker zieht“, wie er es auch in seiner Biografie formuliert, nach Berlin kommen – und nach Mahlow, aber deshalb, um dort mit Jugendlichen zu diskutieren. Er will auch mit Neonazis reden, „gern im Fernsehen, wenn sie sich trauen“.

Zwei Rassisten hatten den Bauarbeiter, der nach der Wende Deutschland miterneuern wollte, vor mehr als elf Jahren mit einem Steinwurf auf sein Auto zum Krüppel gemacht. Seine Frau Jacqueline pflegte ihn, bevor er sie an den Krebs verlor. „Derzeit suche ich händeringend weibliche Pflegekräfte, gern auch aus Deutschland“, sagt Martin. Er braucht Hilfe rund um die Uhr. Und zwar nicht nur für sein Lieblingsessen, jamaikanisches Hühnchen. Annette Kögel

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