Meinung : Nordirland: Clintons letzter Coup

Martin Alioth

Vor einem Jahr, stellen wir uns vor, spitzte Bill seinen Bleistift und begann, seine Vorsätze für das letzte Amtsjahr aufzuschreiben. Erstens, mehr als eine Fußnote in den Geschichtsbüchern. Zweitens, Al Gore ins Weiße Haus schubsen. Drittens, Hillary für alle Unbill mit einem Senatsmandat trösten. Bislang hat der ehrgeizige US-Präsident erst ein einziges Häkchen machen dürfen. Hillary könnte dereinst sogar an dem Plätzchen landen, das für Al Gore vorgewärmt wurde. Für eine positive Bilanz braucht Clinton einen handgreiflichen außenpolitischen Erfolg. Bei der Durchsicht seiner Bücher gleitet sein Blick an der vollgekritzelten und etwas zerknüllten Rubrik "Nahost" vorbei. Kolumbien, Korea, Balkan - so richtig rosig sieht das alles nicht aus. Erleichtert schlägt er die Seite "Irland" auf.

Bill Clintons Rolle im nordirischen Friedensprozess ist lupenrein positiv. Er krempelte gegen den Widerstand seines Außenministeriums die traditionelle Irlandpolitik der USA um. Vor Clinton kam Irland bloß in rührseligen Festreden vor. Der Drang zu politischem Eingreifen wurde aus Rücksicht auf britische Empfindlichkeiten im Keim erstickt. Clinton baute sorgsam Kontakte zu allen Akteuren auf, den nordirischen Parteien, der irischen Regierung und London. Er vermied einseitige Parteinahmen, hörte gut zu und wurde zu einem Experten mit stupender Sachkenntnis. Bei keinem seiner drei Besuche in Irland und Nordirland ist Clinton in die Nähe eines Fettnäpfchens geraten, und das will bei den notorischen Empfindlichkeiten der Einheimischen etwas heißen.

Dennoch wäre es irreführend, Clinton als Architekten des nordirischen Friedensprozesses zu rühmen. Das ist ja gerade das Bemerkenswerte an dieser zähflüssigen, bisweilen nervtötenden Annäherung unter Erbfeinden, dass sie selbst die Hauptakteure sind, weil sie sich laufend vor ihren eigenen Dickköpfen rechtfertigen müssen. Clinton, der Ire Bertie Ahern und der Brite Blair haben das alles nicht verhindert. Sie haben an kritischen Punkten Risiken auf sich genommen, die den handelnden Nordiren halfen. Der US-Präsident ermöglichte die Internationalisierung der Konfliktlösung, weil er sich das Vertrauen der nordirischen Protestanten erworben hatte. Das ungebrochene Interesse des mächtigsten Mannes hinderte die Nordiren daran, in die altvertraute, blutige Provinzialität zurückzurutschen. Und schließlich schickte Clinton seinen besten Mann nach Belfast, den Ex-Senatsführer George Mitchell, der gestern übrigens auch wieder am Verhandlungstisch gesehen wurde. Pikanterweise lohnen sich die engen Beziehungen für beide Seiten auch wirtschaftlich: Die USA sind zum größten Exportmarkt der Iren geworden, die repatriierten Gewinne amerikanischer Multis reißen ein tiefes Loch in die irische Zahlungsbilanz.

Und Bills Liste? Clintons Popularität auf der Insel Irland ist so unermesslich, dass es ihm niemand verwehren wird, sich die Feder eines Friedensstifters in Nordirland an den Hut zu heften, wenn das denn seiner Eitelkeit taugt. Das zweite Häkchen winkt.

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