Meinung : Nordirland: Verantwortungslos

ali

Wenn es zutrifft, dass die Politik einen Rahmen für die Lösung gesellschaftlicher Probleme abstecken sollte, dann kriegen Nordirlands Praktiker mal wieder schlechte Zensuren. Gestern flogen die Regierungschefs aus London und Dublin erneut in den wilden Norden, aber im Gegensatz zu früheren diplomatischen Kraftakten wurde jeder Funken Optimismus gleich vorweg erstickt: Der protestantische Chefminister David Trimble wird am Sonntag zurücktreten, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Das Wunder müsste die Form von Kalaschnikows aus den üppigen Arsenalen der IRA annehmen, aber gerade weil Trimble der IRA ein Ultimatum gestellt hatte, wird sie nun nicht nachgeben. Anschließend will man weiter verhandeln, die nordirische Regierung erlischt nicht gänzlich, und vielleicht wird sogar Trimble selbst nach einer gebührenden Schonfrist wieder antreten. Daher rührt die Gelassenheit der britischen und irischen Regierung. Aber es bleibt verantwortungslos, wenn nicht geradezu fahrlässig, Nordirland Anfang Juli ins politische Vakuum zu befördern. Auf den Straßen knistern konfessionelle Spannungen, protestantische Untergrundverbände geifern in lustvoller Vorfreude auf kommende Paradenkrawalle. Die Politiker sollten sich deshalb endlich von ihren kindischen Neigungen befreien. Beide Seiten brauchen Zugeständnisse, beide müssen Kröten schlucken. Die Protestanten sehen sich immer mehr als Verlierer, der Spielraum der konstruktiven Kräfte schrumpft täglich, und so wäre es wohl an der IRA und der gegenwärtig so erfolgreichen Sinn Féin-Partei, das Theorem des Nullsummenspiels zu begraben. Oder haben die etwa doch einen anderen Plan?

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