Meinung : Note: ungenügend

Lesermeinungen zum Berliner Schulsystem und bildungspolitischen Problemen

Alle von der Autorin genannten Probleme ließen sich dadurch lösen, dass Gymnasien in Integrierte Sekundarschulen mit gymnasialer Oberstufe umgewandelt werden, die einerseits einen leistungsdifferenzierten Unterricht in Klassen verschiedener Leistungsniveaus anbieten, andererseits die Wahl zwischen einem zwölf- und 13-jährigen Weg zum Abitur eröffnen. Berliner Schulen, die bereits ein solches zeitgemäßes Profil aufweisen, zeigen, dass dies höchst erfolgreich funktioniert und sie vor allem in ihren Leistungen hinter den Gymnasien keineswegs zurückbleiben (s. Abiturdurchschnitt 2011, bestes Gymnasium: 1,7, beste Sekundarschule: 1,7). Sie sind – gerade auch von leistungsstarken Kindern so nachgefragt, dass der Bedarf aktuell nicht gedeckt werden kann. Die Gymnasien dürfen bei diesem Wandel allerdings nicht allein gelassen werden, und es muss ihnen der umfangreiche Erfahrungsschatz dieser Modellschulen zur Verfügung gestellt werden. Hier wäre ein behutsames Vorgehen zentral für den Erfolg einer Reform, und es bedarf sicherlich eines langen Atems.

Prof. Dr. Michael Eid,

Berlin-Lichterfelde

Im Ernst: Dass der Mittlere Schulabschluss (MSA) als Ganzes bestanden wird, sagt wenig aus. Interessanter wäre schon – wie beim Abitur – mit welchen Noten dies geschieht. Noch interessanter wäre eine fachbezogene Auswertung. Denn den MSA als Prüfung besteht auch ein Schüler, der in der Mathematikprüfung eine 5 hat. Von Bedeutung wäre doch auch für die Gymnasien, zu erfahren, mit welchen Aufgabenformaten ihre Schüler Probleme haben, mit welchen nicht. Dann könnten auch diese höheren Bildungsanstalten überlegen, was geändert werden muss und was sich bewährt hat. Ich wette, an vielen Gymnasien wäre eine solche Evaluation höchst aufschlussreich. Gar nicht mehr nachvollziehbar ist eine MSA-Prüfung nur an den Sekundarschulen. Warum muss ein extrem leistungsstarker Schüler, der zum Beispiel in einem F-Kurs Mathematik fast zu 100 Prozent seine Mathematik-Prüfung besteht, diese ablegen, während für einen Schüler mit Schwächen in Mathematik am Gymnasium diese Prüfung überflüssig ist? Auch wenn es wehtut: Entweder werden erreichte Bildungsstandards an allen Schulformen überprüft oder an keiner. Alles andere ist nur elitäre Überhöhung der Gymnasien. Und nebenbei: Die Prüfungen zu MSA und Abitur machen an den Sekundarschulen mit Oberstufe nicht weniger Arbeit als an Gymnasien.

Klaus Brunswicker, Berlin-Schöneberg

Der MSA ist an den Gymnasien nicht nur eine unerträgliche Belastung für alle Beteiligten; er ist ein Symbol für die weitaus meisten sogenannten Reformen der letzten Jahre, die sich sukzessive als das entlarven, was kritische Geister antizipierten, als Augenwischerei praxisferner Sesselsitzer in der Senatsschulverwaltung.

Jürgen Zemke, Studienrat,

Berlin-Spandau

Im Berliner Schulgesetz ist eindeutig festgelegt: Beide Schulformen der Sekundarstufe I, die Gymnasien und die Integrierten Sekundarschulen, vergeben alle drei möglichen Abschlüsse, die Berufsbildungsreife, die erweiterte Berufsbildungsreife und den sogenannten mittleren Schulabschluss. Man kann jetzt nicht mehr sagen: „1000 Siebtklässler sind nicht geeignet für das Gymnasium“. Man kann höchstens beklagen: „ Für 1000 Siebtklässler sind die Gymnasien nicht geeignet!“ Schulen sind für die Kinder und Jugendlichen da, nicht umgekehrt! Auch Gymnasien müssen lernen, wie sie ihre Schüler(innen) in deren individuellem Lernprozess bestmöglich fördern. Das althergebrachte Hürdenlaufkonzept „wer nicht rüberkommt, muss raus!“ trägt nicht mehr. Rückläuferklassen mit in den Gymnasien „gescheiterten Schüler(inne)n“ einzurichten, wäre unverantwortlich.

Peter Heyer, Berlin-Steglitz

Die große Anzahl gescheiterter Schüler ist in der Tat eine „pädagogische Katastrophe“, die Einrichtung vieler Rückläuferklassen ein Eingeständnis der Unfähigkeit einer Schule, die hunderte Siebtklässler an ihren Lernformen und Strukturen scheitern lässt. Gute Schulen sind in der Lage, exzellente Leistungen zu fördern, individuelle Lernprozesse zuzulassen und langsamere Lernentwicklungen zu würdigen, wie Schulen, die mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden, beweisen. „Störungen“ lernbereiter Schüler sind oft Ergebnis frontaler, lehrerzentrierter Unterrichtsformen, in denen es nur ein Thema und ein Lernniveau gibt. Es geht vielmehr darum, Schulen und Lernbedingungen anzustreben, in denen sich alle Schülerinnen willkommen und angenommen fühlen und Respekt erfahren. Nur so bleiben ihnen Aussonderung und Beschämung erspart.

Karin und Bernd Roswadowski, GGG Verband für Schulen des gemeinsamen Lernens, Berlin-Tempelhof

Berichtet wird, dass es selbst unter Abgeordneten der Opposition strittig sei, ob zukünftig alle Gymnasiasten auch einen mittleren Schulabschluss ablegen müssen. Kann es tatsächlich sein, dass die Begründung dafür sein soll, dass die meisten den Abschluss schaffen und der Aufwand sich deshalb nicht lohne? Das kann doch nicht wahr sein! Ist die Schulpolitik mittlerweile so auf Selektion und Abschottung der Gymnasiallaufbahn fixiert, dass die Jugendlichen selbst und ihre Chancen, einen Schulabschluss auch nach 10 Jahren Gymnasium zu erhalten, keine Rolle mehr spielen? Das wäre ein weiterer Schritt, um die Idee einer Durchlässigkeit der Bildungswege zu begraben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gewollt ist.

Prof. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller, Berlin-Zehlendorf

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