NS-Gedenken : Gratisgutmut

Der "Zug der Erinnerung" will in den Berliner Hauptbahnhof - eine Posse um die Bahn, findet Lorenz Maroldt.

Lorenz Maroldt

Diesen „Zug der Erinnerung“ wird man nicht so schnell vergessen, und es ist eine Ironie auch dieser Geschichte, dass dafür vor allem derjenige verantwortlich ist, der gar nicht wollte, dass es diesen Zug so wie jetzt überhaupt gibt. Das ist aber auch schon das Einzige, was man Bahn-Chef Mehdorn im Ernst nachsagen kann, selbst wenn ein beeindruckender Mainstream von A wie Ausschussmitglieder des Bundestags bis Z wie Zentralratssprecher etwas anderes suggeriert.

Es ist bezeichnend für den Gratisgutmut vieler, wie bereitwillig sie hinnehmen, dass ein lautstarker Verein das Gedenken an die von den Nazis nach Auschwitz verschleppten Kinder monopolisiert; und es ist beängstigend, wie bereitwillig sie ebenfalls hinnehmen, dass dabei der Vorstandsvorsitzende eines großen Unternehmens einfach mal eben so zum Nazi umdefiniert wird.

Es ist eben ziemlich leicht, gegen Auschwitz zu sein, und es ist ebenso leicht, gegen Bahn-Chef Mehdorn zu sein, überhaupt und sowieso. Richtig ist, dass sich die Bahn lange schwergetan hat mit ihrer Geschichte. Es ist aber auch richtig, dass das Unternehmen seit Mitte der neunziger Jahre einiges zur Aufklärung und Erinnerung getan hat. Die Bahn gab Forschungsprojekte zur Reichsbahn in Auftrag, initiierte eine Dauerausstellung, unterstützte Filmprojekte zum Thema, beteiligte sich an der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und – ließ Ausstellungszüge durchs Land rollen. Sieh an. Ohne Konflikte ging das zwar nicht; aber warum sollte es auch. Getan ist immerhin getan.

Vor diesem Hintergrund trat der Verein „Zug der Erinnerung“ mit der selbstbewussten, für Mehdorn wohl provokanten Forderung auf, die Bahn habe auch diesem Projekt freies Geleit zu gewähren, egal wo und wie, und zwar selbstverständlich kostenlos.

Das tat die Bahn nicht – sie verlangte Gebühren für die Nutzung der Gleise wie von jedem anderen auch, wie vom Gesetz so vorgeschrieben, und sie verwehrte der Dampflok des Vereins die Einfahrt dort, wo sie die Sicherheit gefährdet oder den Verkehr unzumutbar gestört sah. Etwas Mehdorn’scher Trotz haftet dem Ganzen natürlich schon an, das lässt sich ja kaum übersehen. Aber den folgenden wohlfeilen Furor rechtfertigt das nicht.

Die schlimmste Entgleisung leistete sich der Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, der, an Mehdorn gerichtet, sagte: „Die Öffentlichkeit sieht Ihre Person und Ihre politische Struktur so, dass Sie – wären Sie im Dritten Reich in derselben Position gewesen wie heute – möglicherweise sogar mit großer Überzeugung genau dasselbe angeordnet hätten wie Ihre damaligen Vorgänger ... Für mich hat es den Anschein, als ob es den heutigen Verantwortlichen im Nachhinein leidtut, die Kleinkinder damals kostenlos in den Tod befördert zu haben, und heute – nachträglich – diese Geldeinbuße durch Rechnungsstellung in Zusammenhang mit diesem Zug, der eben an diese Kinder erinnert, ausgeglichen werden soll.“

Da waren keine kräftigen Stimmen zu hören, die Hartmut Mehdorn gegen diese Infamie verteidigten. Da empfanden wohl manche klammheimliche Freude. Um eine Erinnerung an die Züge nach Auschwitz ging es dabei wohl kaum.

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