Meinung : NS-Zwangsarbeiter: Ein Schlussstrich wieder mal

Jacob Heilbrunn

Es waren viele Ärzte am Werk, die Geburt war schwierig, aber am Ende ein Erfolg. Das Abkommen über die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter ist, wie Bundeskanzler Schröder sagte, endlich über die Bühne gegangen. Doch seine Nachwirkungen reichen weiter. Man könnte sagen, die Entschädigung der Zwangsarbeiter ist nicht Geschichte geworden, sie weist vielmehr auf die Zukunft der deutschen Vergangenheit hin.

In den USA hält man die Reaktionen der Deutschen für den Versuch, mal wieder einen Schlussstrich zu ziehen. Die Zeit der materiellen Gesten an die Opfer des Dritten Reichs ist nun vorbei; jetzt bleiben nur die symbolischen. Aber das muss gar nicht unbedingt beunruhigend sein. Dieser Prozess ist wahrscheinlich unvermeidlich. Tatsache ist außerdem, dass auch die USA daran Schuld sind, dass die deutsche Industrie sich so lange darum drücken konnte, ihre Beteiligung an den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs anzuerkennen. Es war kein anderer als der angesehene Hochkommissar John J. McCloy, der, Appellen von Konrad Adenauer folgend, viele Industrielle begnadigte. Auch Alfred Krupp konnte rasch nach 1945 seine Stahlwerke wieder aufbauen. Ein neuer Krieg hatte angefangen, ein kalter, und Leute wie Krupp waren gefragt.

Jetzt ist der Kalte Krieg vorbei, jetzt sieht man in den USA die deutsche Industrie mit mehr Argwohn. Zu dieser Skepsis trägt nicht zuletzt die Übernahme von Chrysler durch Jürgen Schrempps Daimler-Benz-Konzern bei. Für die Amerikaner ist das eine glatte Katastrophe. Stur und hochmütig haben deutsche Manager versucht Chrysler umzubauen - jetzt treibt die Firma in den Ruin. Mit ähnlicher Arroganz hat die deutsche Industrie während der Entschädigungsverhandlungen immer wieder versucht, die Sache zu verzögern. Das wäre ihr wohl auch geglückt, hätte der alte, kluge Otto Graf Lambsdorff nicht die Verhandlungen geführt. Lambsdorff, so viel kann man sagen, hat den Schaden für Deutschland begrenzt.

Die Debatte über die Entschädigung freilich hat Deutschland gut getan. In Berliner Restaurants konnte man erhitzte Debatten darüber am Nebentisch hören - was will man mehr? Sogar die ziemlich absurde These des US-amerikanischen Politologe Norman Finkelstein, amerikanische Juden versuchten Deutschland auszubeuten, haben immerhin ihr Echo in dem provokanten Buch von Petra Steinberger gefunden: "Die Finkelstein Debatte". Und das kann man durchaus als ein Psychogramm deutscher Vergangenheitsdebatten lesen.

Die Zeit der Verhandlungen, der Deals um Geld, scheint vorbei zu sein. Seien wir froh drum. Viel wichtiger sind nun die Auseinandersetzungen um die symbolische Bedeutung des Dritten Reichs. So lange es solche Debatten gibt, braucht man keine Angst haben. Denn so lange ist gewiss, dass Deutschland immer noch sehr, sehr weit von jedem Schlussstrich entfernt ist. Wenigstens eine erfreuliche Geschichte angesichts der so zähen, langwierigen und moralisch trüben Verhandlungen um die Entschädigung.

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