Meinung : Nur geben ist nicht selig

Von Tissy Bruns

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Das Zahlenwerk des Statistischen Bundesamtes zur Sozialhilfe belegt die erstaunliche Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft und eine an Dummheit grenzende Gleichgültigkeit. Erstaunlich ist es schon, wie viele Menschen unsere lahmende Volkswirtschaft mit der ständig zurückgehenden Zahl von Normalarbeitsplätzen immer noch aus Steuermitteln finanzieren kann. Die Kehrseite dieser großen Transferleistungen ist allerdings die Dickfelligkeit, mit der die Gesellschaft verdrängt, dass diese Art von Hilfe bei den Empfängern ungewollt Abhängigkeitsverhältnisse verfestigt.

Die Zahlen sind hauptsächlich deshalb gestiegen, weil die Zahl der arbeitslosen Sozialhilfeempfänger um über 14 Prozent zugenommen hat. An der Spitze liegen die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg, auch, aber nicht nur wegen der überproportionalen Sozialhilfequote bei Ausländern. In den Stadtstaaten lässt sich auch der traurigste Befund der neuen Statistik besonders häufig beobachten: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen ist noch einmal gewachsen. Was schon schlimm genug ist. Wirklich bedrückend ist die Tatsache, dass es mittlerweile Familien gibt, die in der zweiten oder dritten Generation als Sozialhilfeempfänger leben. Der Städtebund spricht von „Sozialhilfekarrieren“.

Das Zahlenwerk des Statistischen Bundesamtes ist ein hartes Plädoyer für ein Fördern und Fordern, das etwas verlangt und neue Chancen gibt. Mit anderen Worten: für Hartz IV. Denn die Sozialhilfe sollte – kurzfristig oder auf Dauer – Hilfe für Menschen sein, die sich nicht selbst unterhalten können. Der fortdauernde Zustrom in die Sozialhilfe von erwerbsfähigen Menschen, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden (und in manchen Fällen auch nicht finden wollen), ist eine Sackgasse. Für die Gesellschaft, die das nicht mehr bezahlen kann. Noch mehr aber für die Betroffenen, die wie „Abgeschriebene“ in einem Transfersystem gelandet sind, das für sie gar nicht gedacht war. Es hat die Bundesrepublik ausgezeichnet, dass sie das soziale Gebot ernst genommen hat, Menschen nicht fallen zu lassen, wenn sie sich selbst nicht helfen können. Die Maxime, die Verhältnisse so zu gestalten, dass jeder auf seinen eigenen Füßen stehen kann, hat sie weniger ernst genommen. Die Aufregung über Hartz IV ist groß. Die Aufregung darüber, dass wir so viele Menschen in diese Sackgasse haben gehen lassen, müsste viel größer sein.

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