Obama in Nahost : Mit Vorsicht zu genießen

Das gibt schöne Fotos: Obama im Irak, Obama in Afghanistan, Obama in Israel, Obama vor der Siegessäule und neben Carla Bruni in Paris. Doch was haben Europa und der Nahe Osten substanziell vom smarten Senator aus Illinois zu erwarten? Ungeschehen machen lassen sich die Fehler der Bush-Administration nicht. Raus aus dem Irak und verstärkt rein nach Afghanistan - diese Gleichung geht nicht auf.

Malte Lehming

Das gibt ein prall gefülltes Fotoalbum mit einer reichen Auswahl illustrer Motive. Er im Gespräch mit dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki, er auf dem schweren Polstersessel neben Hamid Karsai, er umringt von US-Soldaten, mit Kippa auf dem Kopf in Jad Vaschem, vor jubelnden Auslandsamerikanern vor der Siegessäule in Berlin, an der Seite von Carla Bruni in Paris. Welches Bild am Ende dieser Tour haften bleibt und sein Image prägt, ist noch offen. Viel wichtiger ist die Frage, was Europa und der Nahe Osten von ihm substanziell zu erwarten haben. Wofür steht der smarte Senator aus Illinois, Barack Obama?

Es war richtig, dass er seine Reise im Nahen und Mittleren Osten begann. Mit Amerikas Verbündeten in Europa mag es atmosphärische Störungen geben, die aber sind relativ harmlos. Über die Frage zu streiten, wem er wie lange und an welchem Ort welche Ehre erweist, ist so kleinlich wie peinlich. Die Lage im Ost-West-Korridor dagegen – zwischen Pakistan, Afghanistan, Iran, Irak und Israel – ist hochexplosiv. Pakistan ist eine fragile Atommacht, Afghanistan mit fremden Truppen vollgestopft und trotzdem unbefriedet, Iran strebt nach Nuklearwaffen und unterstützt die Terrororganisationen Hisbollah und Hamas, im kriegszerschundenen Irak wird es nur langsam besser, ein wegen der iranischen Atompläne hypernervöses Israel fühlt sich im Stich gelassen. Dieses Gebräu könnte eine einzige falsche Politiknuance Amerikas zum Überkochen bringen.

Denn das muss klar sein: Ungeschehen machen lassen sich die Fehler der Bush-Administration nicht. Auch Obama kann die Uhr nicht auf die Vor-Irakkriegszeit zurückstellen. Raus aus dem falschen Krieg (Irak), dafür noch massiver rein in den richtigen (Afghanistan)? Ach, wäre es doch so einfach! Bagdad zu schwächen, um Kabul zu stärken: Diese Gleichung geht nicht auf. Ein schwacher Irak zöge Al Qaida wie ein Magnet an, verführte Teheran zu weiterer Machtausdehnung, vergrößerte Israels Sicherheitssorgen. Für alle Zeitpläne und Truppenreduzierungsideen gibt es daher nur einen Maßstab, die Stabilität. Je stabiler der Irak, desto eher können US-Soldaten abziehen oder disloziert werden. Auch Deutschland kann bei diesem Prozess helfen. Heute kommt Maliki nach Berlin. Er hat verdient, dass man ihm ein offenes Ohr leiht und so viele seiner Wünsche wie möglich erfüllt. Ja, es gibt eine richtige Politik nach einem falschen Krieg. Was Maliki und dem Irak nützt, nützt Deutschland und Europa.

Dieselbe Regel der Interdependenz, der wechselseitigen Abhängigkeit, gilt für den Rest der regionalen Konflikte. Was in Afghanistan geschieht, wirkt sich unmittelbar auf Pakistan aus. Wer den Territorialdisput zwischen Israelis und Palästinensern entschärft, stärkt die moderaten Muslime. Wer Irans Nuklearambitionen nicht stoppt, riskiert Krieg. Zum letzten Punkt eine bitterernste Anmerkung: Je unmissverständlicher Obama heute in Israel verspricht, als US-Präsident einen atomar bewaffneten Iran niemals zu dulden, desto stärker reduziert er die Wahrscheinlichkeit eines israelischen militärischen Alleinganges.

In seinem Wahlkampf plakatiert Obama einen „Wandel, an den wir glauben können“. Amerikas Konservative nennen ihn daher einen naiven Idealisten. Der ist er mit Sicherheit nicht. Aber auch viele Europäer wollen am liebsten einen Wandel mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl. Den Bedarf an Eruptionen hat Bush voll und ganz gedeckt.

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