Obamas Asienreise : Zwischen zwei Ozeanen

Beginnt nun Amerikas pazifisches Zeitalter – und besiegelt das die Abkehr der USA von Europa? Seit Jahren wird diese Umwertung in der Außenpolitik Washingtons vorhergesagt.

Christoph von Marschall

Nun, da der neue Präsident gleich für acht Tage durch Asien tourt, faszinieren die Spekulationen über die Koordinaten künftiger Weltpolitik die Gemüter. Barack Obama entdeckt Japan wieder, lange hatten die USA das Land in dessen innerer Krise vernachlässigt. In China spricht er über eine strategische Partnerschaft.

Weitere Stützargumente sind rasch bei der Hand. Er selbst nennt sich „Amerikas erster pazifischer Präsident“. Auf Hawaii ist er geboren, noch nie kam ein US-Präsident aus der Mitte des Pazifiks. Mehrere Jahre seiner Kindheit hat er in Indonesien verbracht. Vergleichbare europäische Prägungen sucht man in seiner Biografie vergebens. Und ist es nicht symbolisch, dass er nicht zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, dem wohl wichtigsten Freiheitssymbol der jüngsten Zeit, nach Berlin kam – und das Weiße Haus dies damit begründete, die Asienreise habe Vorrang, und er könne sich nicht noch länger am Stück aus der Innenpolitik verabschieden?

Die Gegenargument sind schlagender: Dreimal war Obama bereits in Europa, ehe er zum ersten Mal nach Asien reiste. Der transatlantische Austausch von Waren, Dienstleistungen und Investitionen umfasst 40 Prozent der Weltwirtschaft. Die Kooperation der USA mit Asien ist geringer. Nur mit Europa verbinden Amerika eine Militärallianz wie die Nato und ein Gleichklang der Traditionen von der Demokratie über den Rechtsstaat und das Wirtschaftsmodell bis zum Wertesystem. Seit Nixons Annäherung an China hat Asien alle Präsidenten gefesselt – weil es da noch so viel nachzuholen gibt. Asiens relative Bedeutung wächst langsam und stetig. Doch das Bündnis mit Europa hat mehr Substanz. Das wird noch lange so bleiben. Obama weiß das.

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