Meinung : Ökumene: Ungleiche Geschwisterliebe

Susanne Tenhagen

Für die Kirche gibt es kein Kartellamt. Vielleicht fällt es den Katholiken und Protestanten gerade deshalb so schwer, aufeinander zuzugehen. Es gibt keine neutrale Clearingstelle, die Parameter einer Fusion festschreibt. Positiv heißt das, alles ist möglich. Es heißt aber auch, die Kirchen müssen selbst zueinander finden.

Das zentrale Thema auf der neunten Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands, die heute zu Ende geht, war die Annäherung der Kirchen. Das Projekt Ökumene wurde jedoch äußerst kontrovers diskutiert. Das hat gezeigt, wie schwer sich die Protestanten mit dem Thema tun.

Kirche ist da, wo Glauben passiert - jedenfalls ist das die protestantische Auffassung. Damit ist sie freier und globaler. Kirche ist somit Ereignis, sie ist schnell, virtuell und sie ist modern. Aber darf eine Kirche, die so modern funktioniert, sich überhaupt Kirche nennen?

Nein, das darf sie nicht. Der Chef der Glaubenskongregation des Vatikan, Josef Kardinal Ratzinger kanzelte in seiner Schrift "Dominus Jesus" die Protestanten als Glaubensgemeinschaft ab. Kirche im eigentlichen Sinne seien sie nicht. Nicht einmal Schwesterkirchen dürften sie sich nennen. Schwesterkirchen, so Ratzinger, seien die orthodoxen Kirchen. Der Grund: Auch sie stehen, ganz wie die katholische Kirche, in der apostolischen Sukzession, sie sehen ihre Bischöfe also in direkter Nachfolge der Apostel und begründen daraus ihren Anspruch als die eine und einzige Kirche. Doch auch die Protestanten, die sich allein über den Glauben definieren, sehen sich als vollwertige Kirche an und waren nicht eben erfreut über die sperrige Post aus Rom.

All diejenigen, die sich seit langem für die Annäherung der beiden Kirchen einsetzen, empfanden Ratzingers Schreiben als herben Rückschlag. So auch der Ökumenische Rat der Kirchen. Jetzt grenze man sich plötzlich ab und betone Gegensätze, die es schon immer gebe. Aber sie derart zu betonen, mache keine Lust mehr auf Ökumene.

Ist die Abgrenzung eine Folge des Mitgliederschwunds, über den alle Kirchen, auch die katholische, klagen ? In Zeiten der allgemeinen Verunsicherung genauer sagen, was man nicht will, macht Sinn. Wenn die Schäfchen wegzulaufen drohen, werden sie einfach enger eingezäunt.

Aber Verunsicherung ist es nicht allein. Das Ratzinger-Papier hat noch eine andere, eine machtpolitische Dimension. Die Öffnung Osteuropas nach 1989 hat dem Vatikan auch einen besseren Zugang zur mächtigen, russisch-orthodoxen Kirche beschert. Ex oriente lux, heißt es jetzt auch in Rom.

Vom Kirchenbegriff her sind sich diese beiden Kirchen näher als die katholische und protestantische. Die müssen, wenn sie sich wieder näher kommen wollen, genau diesen Kirchenbegriff jeweils noch klarer definieren. Das birgt Chancen in Krisenzeiten. Die katholische Kirche ist noch immer die mächtigste Kirche der Welt und sie ist die reichste. Doch dort, wo sie reich ist, verliert sie und wächst, wo sie arm ist. In Südamerika und Afrika. Von dort könnten neue Impulse kommen.

Und die Protestanten, sie können für die Streitvorlage, die ihnen Ratzinger lieferte dankbar sein. Es scheint, als würden sie aufgerüttelt. Jetzt sind sie am Zuge. Sie müssen genau sagen, worauf es ihnen ankommt.

Im Jahr 2003 wird es in Berlin einen ökumenischen Kirchentag geben. Die Protestanten hoffen, mit gemeinsamem Abendmahl, die Katholiken lehnen das ab. Bei der Annäherung beider Kirchen darf es nicht darum gehen, das Trennende auszublenden oder Unaufgebbares nicht mehr ernst zu nehmen. Was uns trennt macht uns stark, sollte das Motto sein, wenn man sich näher kommt. Und aus der Stärke heraus wieder deutlicher in Erscheinung zu treten, ist vor allem für die evangelische Kirche in Ostdeutschland dringend nötig. Zu protestieren gegen Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus sollte für Protestanten interessant sein.

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