Ölkatastrophe im Golf von Mexiko : Ein Ende, das zu schnell aufatmen lässt

Am vergangenen Sonntag gab ein US-Regierungsmitarbeiter die lang ersehnte Todesnachricht bekannt: „The Macondo 252 well is effectively dead“, das Bohrloch im Golf von Mexiko ist sicher verschlossen. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bleibt dennoch ein Mahnmal.

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Vor fünf Monaten explodierte die Ölplattform Deepwater Horizon vor der Südküste der USA. Rund 800 Millionen Liter Erdöl flossen ins Meer, das entspricht der Ladung von zwei Supertankern. Nach diversen Fehlversuchen gelang es dem Ölkonzern BP Mitte Juli, das Leck am Meeresboden mit einer Stahlkappe provisorisch zu verschließen. Anfang September traf ein zweites Bohrgestänge, 4000 Meter unter dem Meeresgrund, auf das nur 50 Zentimeter breite Bohrloch „Macondo 252“ – eine technische Meisterleistung. Von der Seite injizierten die Ingenieure eine spezielle Betonmischung und verschlossen das Leck endgültig.

Die Börse feierte das „tote“ Bohrloch mit Kurssprüngen: Die BP-Aktie stieg innerhalb weniger Stunden um sechs Prozent, auch andere Energiekonzerne profitierten von der Erfolgsmeldung. Nach Monaten der Frustrationen und öffentlichen Demütigungen hat die Ölindustrie bewiesen, dass sie selbst mit schwierigsten Situationen fertig wird. Nun steht zu befürchten, dass die Ölkatastrophe im kollektiven Bewusstsein der US-Bürger nicht als Mahnmal gegen technologische Selbstüberschätzung, sondern unter der Rubrik „Yes, we can!“ verbucht wird.

Dabei führte vor allem eine Verkettung glücklicher Umstände dazu, dass die Umweltschäden geringer sind als anfangs erwartet. Von den rund 1000 Kilometern Küste, die vom Öl betroffen sind, gelten nur knapp 100 Kilometer als stark verschmutzt. Zum Vergleich: Bei der bislang schlimmsten Ölpest durch die Exxon Valdez verseuchte ein Zwanzigstel der jetzt ausgetretenen Ölmenge einen doppelt so langen Küstenstreifen. Doch während der Supertanker im Jahre 1989 unmittelbar vor der Küste Alaskas havarierte, lag die Erkundungsplattform Deepwater Horizon gut 80 Kilometer vom Festland entfernt. Zudem trieb eine günstige Strömung das Öl ins offene Meer. Starker Seegang und hohe Wassertemperaturen sorgten dafür, dass der Ölteppich vergleichsweise schnell verteilt und abgebaut wurde. Die Zahl der getöteten Seevögel wird voraussichtlich unter 10 000 liegen – bei der Havarie der Exxon Valdez verendeten mehr als 250 000 Tiere.

Auch das befürchtete Fischsterben ist ausgeblieben. Erdöl, das ebenfalls in natürlicher Weise ins Meer gerät, wird durch Bakterienarten zersetzt. Da diese Bakterien Sauerstoff verbrauchen, sagten einige Biologen die Entstehung riesiger „Todeszonen“ im Golf von Mexiko voraus, in denen Fische nicht mehr atmen können. Obwohl die bakterielle Zersetzung des Öls schneller voranging als erwartet, sackte der Sauerstoffgehalt jedoch nur stellenweise um weniger als zehn Prozent ab – offenbar kommen die Selbstreinigungskräfte des Ozeans mit der fossilen Verunreinigung erstaunlich gut zurecht.

Aus Sicht der Ölindustrie hat die Havarie im Golf sogar Vorteile. Der scheidende BP-Chef Tony Hayward musste im Juni noch zugeben, dass seine Firma kein erprobtes Verfahren hatte, um einen Blow-out in 1500 Meter Wassertiefe zu stoppen – das ist jetzt anders. Aus Sicht der Ölkonzerne spricht deshalb nichts dagegen, das Macondo-Ölfeld noch einmal an einer anderen Stelle anzubohren, im Gegenteil: Aufgrund der „erfolgreichen“ Ölsuche durch die Deepwater Horizon wird der Wert der Bohrrechte, die BP 2008 noch für 34 Millionen Dollar von den USA gekauft hat, inzwischen auf 3,5 Milliarden geschätzt.

Die Ölindustrie macht ohnehin schon längst weiter wie bisher. Für Tiefseebohrungen sollen zwar einige freiwillige Sicherheitsstandards vereinbart werden, grundsätzliche Änderungen am Verfahren wird es jedoch nicht geben. Weil die einfach zugänglichen Öl- und Gasvorräte zur Neige gehen, wird die Zahl der Tiefseebohrungen massiv zunehmen. Sogar der saudische Energiekonzern Aramco, der über die größten Ölvorkommen der Welt verfügt, beginnt ab 2012 mit Tiefseebohrungen im Roten Meer. Daneben sollen vermehrt „unkonventionelle Gasvorkommen“ angezapft werden, etwa in Gesteinsschichten eingeschlossene Schiefergase. Die damit verbundenen, höheren Risiken sind für die Energiegiganten natürlich kein Problem.

Zur Person

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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