Meinung : „Österreich ist ein großartiges Land“

Markus Huber

Er war sich im Wahlkampf seiner Sache ziemlich sicher. Die Österreicher lieben ihr Land und sind trotz schlechter Ergebnisse auf dem Fußballplatz mächtig stolz darauf. Darum ließ ihr Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Wahlkampf für die Nationalratswahl am Sonntag keine Rede verstreichen, ohne dass er die Großartigkeit Österreichs lobte, die tolle Wirtschaftskraft und die geringe Arbeitslosigkeit, die schönen Berge und Seen und natürlich auch die gewaltigen kulturellen Leistungen. Auf den ÖVP-Wahlplakaten sah man ein Foto von Parteichef Schüssel, auf dem er sich in Bergsteigerklamotten das Gesicht an einem Brunnen wäscht. Als Werbegeschenke verteilte die ÖVP ein Buch, in dem Schüssel Tipps zur Gartenpflege gibt.

Es geht uns gut, warum sollten wir also daran was ändern? Das war das unübersehbare Motto der regierenden Volkspartei in diesem Wahlkampf, und der Mann, der das ermöglicht hat, so die Suggestion, hat einen Namen: Wolfgang Schüssel. So wie es derzeit aussieht, dürfte das Konzept aufgehen: Schüssels Volkspartei liegt in den Umfragen konstant vor den Sozialdemokraten. Schüssel dürfte also am Sonntag in eine dritte Amtszeit starten. Eigentlich ist das überraschend: Schüssel war im Jahr 2000 nur mit einem Coup zum Bundeskanzler geworden. Obwohl er bei der Wahl sogar hinter Jörg Haiders FPÖ zurückgefallen war, ließ er sich von Haider zum Kanzler wählen – dabei hatte er vor der Wahl angekündigt, sollte die FPÖ ihn überholen, würde er in Opposition gehen. Doch der Taktiker Schüssel, der nie außerhalb der Politik gearbeitet hat, weiß um die Vergesslichkeit seiner Landsleute. Die internationale Kritik an seiner Zusammenarbeit mit der FPÖ steckte er ebenso weg wie Kritik an der teilweise chaotischen Amtsführung seiner FPÖ-Minister. Der Erfolg gab ihm recht: Bei der Wahl 2002 war die ÖVP zum ersten Mal seit 1966 wieder stärkste Partei.

Dieses Aussitzen unliebsamer Situationen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Wesenszug des ohnehin sehr schweigsamen Kanzlers gemausert – „Schweigekanzler“ wird er deswegen in Österreich genannt. Dieses Image pflegt er auch – außer wenn er im Wahlkampf die Schönheiten seines Landes besingt.

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