Özkan macht es vor : Loyal, gläubig, qualifiziert

In Niedersachsen ist mit Aygül Özkan (38) die erste türkischstämmige Frau in eine deutsche Regierung eingezogen. Ein kluger und längst überfälliger Schritt.

Aiman Mazyek

Gemessen an der Zahl der Migranten und Muslime in Deutschland sind diese noch stark unterrepräsentiert, nicht zuletzt in der CDU/CSU selber. Umso höher ist es Christian Wulff anzurechnen, dass er diesen Schritt gegangen ist. Es bleibt zu hoffen, dass andere Länder – allen voran die Bundesregierung – sich dieses Beispiel zu Herzen nimmt, damit nicht Frau Özkan einmal als „Quotenmigrantin“ dasteht.

Als im vergangenen Jahr die deutsche U-21-Nationalmannschaft Fußballeuropameister wurde, hießen die Stars auch Özil, Boateng, Khedira und Castro. Im Sport funktioniert, woran es in Wirtschaft und Gesellschaft mangelt: Menschen mit Zuwanderungsgeschichte werden zu akzeptierten Leistungsträgern. Doch dass aus Kindern von „Gastarbeitern“ auch Ärzte, Anwälte, Polizisten oder Hochschullehrer werden könnten, halten viele „Bio-Deutsche“ immer noch für abstrus, obwohl sie längst als Brückenbauer für Deutschland in einer globalen und vernetzten Welt fungieren. Und sie helfen dem Standort Deutschland mit ihrem Wissen, ihrem religiösen und kulturellen Hintergrund sowie ihren Sprachkenntnissen – ähnlich, wie ihre Eltern damals als Gastarbeiter einen beachtlichen Teil zum deutschen Wirtschaftswunder beitrugen.

Anstatt aber mit diesen Pfunden zu wuchern, herrschen in unserer Gesellschaft nicht selten Geringschätzung und kleinkariertes Denken vor, was viele hochqualifizierte Menschen mit Migrationshintergrund abschreckt. Seriöse Studien sprechen von einem Abwanderungsphänomen. Ärzte, Ingenieure, Informatiker – viele Hochqualifizierte mit Zuwanderungsgeschichte – verlassen Deutschland und gehen ins Land ihrer Eltern zurück. Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet hat diese Entwicklung vor kurzem bedauert und mit einem Barometer für den Standort Deutschland verglichen. Wörtlich sagte er: „Attraktive Länder haben Einwanderer, weniger attraktive haben Auswanderer.“

Muslimen gegenüber herrscht in Deutschland ein Klima des Unbehagens

Was könnte Deutschland attraktiver machen? Kommunales Wahlrecht für Ausländer, doppelte Staatsbürgerschaft und vor allem: eine Anerkennungskultur, die Menschen mit anderer Religion, Hautfarbe oder fremd klingenden Nachnamen wirklich gleiche Chancen einräumt und rechten populistischen Parolen keine Chance gibt, indem noch klarer als bisher gegen Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Rassismen jeder Art vorgegangen wird.

Wie weit wir von einer solchen Anerkennungskultur entfernt sind, zeigen die öffentlichen Debatten, bei denen nicht selten auch Teile unserer Elite kräftig mitmischen. Ein Thilo Sarrazin schäumt über Hartz-IV-Empfänger und verunglimpft Gemüsehändler in Kreuzberg. Fühlt sich jemand, der 14 oder 16 Stunden im Familienbetrieb arbeitet, um seine Kinder zu ernähren, hier anerkannt, wenn er pauschal herabgesetzt wird? Es ist wohlfeil, von eigenen oder gesellschaftlichen Versäumnissen abzulenken, indem Türken und Araber verunglimpft werden. Es ist ebenso wohlfeil, Muslimen Integrationsunwilligkeit zu unterstellen und ihren Glauben zum Kronzeugen für ihre vermeintliche Rückständigkeit zu erheben.

Muslimen gegenüber herrscht in Deutschland ein Klima des Unbehagens, des Misstrauens, der Angst und Ablehnung, obwohl ihre Loyalität Deutschland gegenüber zunimmt. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt, wie sich die Religiosität hier lebender Muslime positiv auf deren moderates und loyales Verhalten als Teil der deutschen Gesellschaft auswirkt. Aufstiegsorientiert, gläubig und hochqualifiziert, aber trotzdem nicht willkommen, könnte man resignierend zusammenfassen. Zu hoffen bleibt, dass Aygül Özkan und die U-21-Europameister rasch und viele Nachahmer in der gesamten Gesellschaft finden.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

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