Offener Brief : Iran: Schaut laut hin!

Ein flammender Hilfsappell von iranischstämmigen Deutschen und Exil-Iranern.

„Was ist das für ein Ort, in dem wir unschuldig in der Falle sitzen? Was für ein Ort ist das hier, in dem uns keiner hilft? Was ist das für ein Ort, in dem wir nur mit unserem Schweigen unseren Ruf nach Freiheit der Welt hörbar machen können? Was ist das für ein Ort, in dem das Blut junger Menschen in den Straßen fließt, in denen dann gebetet wird? Was ist das für ein Ort, in dem die Bürger des Landes als Abschaum bezeichnet werden? Was ist das für ein Ort? Soll ich es sagen? Das ist Iran! Meine und deine Heimat! Iran!“

Das sind die Worte einer verzweifelten jungen Frau, die in der Nacht zum Samstag die Straßen Teherans filmte. Sie sprach diese Worte mit zitternder Stimme, im Hintergrund sind die lauten Protestrufe der Menschen zu hören. Dieses intime Tagebuch ihrer Seelenlage stellte sie danach ins Internetportal Youtube.

Eine andere junge Iranerin war Neda Agha-Soltan. Sie wurde am Samstag von einem Scharfschützen getötet, als sie gemeinsam mit ihrem Musiklehrer einem Protestmarsch in Teheran zusah. Das erschütternde Video ihres qualvollen Verblutens ging um die Welt. Neda wurde 27 Jahre alt. Sie ist nicht das einzige unschuldige Opfer der letzten Tage im Iran. Seit dem Abend der gefälschten Präsidentenwahl am 12. Juni haben auf den Straßen der Städte Irans mindestens 70 Menschen ihr Leben verloren. Tatsächlich dürfte die Zahl der Getöteten bei über 100 liegen.

Hunderte Studentinnen und Studenten wurden von Milizen aus ihren Wohnheimen verschleppt. Der Iran hat innerhalb einer Woche China auf der „Weltrangliste“ der Länder mit den meisten verhafteten Journalisten abgelöst. Blogger und Twitterer werden vermisst. Ex-Vizepräsidenten, Ex-Minister, Ex-Parlamentarier, Ex-Bürgermeister, Geistliche und Familienangehörige von Oppositionellen sind verhaftet worden. (…)

Wir alle leben in einer Welt. Wir alle teilen den Wunsch und die Sehnsucht nach Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. Die Menschen im Iran haben in den zurückliegenden Wochen viel Mut aufgebracht, um für die Freiheit zu kämpfen. Sie wurden von ihrer Regierung betrogen. Wenn bei einer Wahl in vielen Bezirken mehr Stimmen abgegeben wurden, als Menschen zur Wahl berechtigt waren, dann ist das ein Betrug. Es ist das gute Recht der Menschen im Iran, jetzt ihre Stimme zurückzufordern.(…)

Wir leben in Deutschland, einem Land, in dem Freiheit und Rechtsstaatlichkeit garantiert sind. Manches Mal vergessen wir, über welches wertvolle Gut wir damit Tag für Tag verfügen können. Lasst uns das heute einsetzen, um den Protest derjenigen, die im Iran zum Schweigen gezwungen werden, weiterzutragen und zu verstärken. Wir geben unsere Stimme den Menschen im Iran – die nicht protestieren können, ohne um ihr Leben zu fürchten. (…)

Helfen Sie mit, dass die Proteste der Menschen im Iran weitergetragen werden. Geben Sie den Menschen im Iran Ihre Stimme! Die Verpflichtung, die Menschen füreinander haben, ist in diesem Augenblick laut hinzusehen – auch von Europa aus! Wenn die Menschenrechte verletzt werden, müssen wir laut NEIN rufen! Wir müssen uns für die Freiheit stark machen und denen, die diesen gefährlichen Pfad der Freiheit beschreiten, helfen.

Der Blick der internationalen Gemeinschaft auf den Iran war in den letzten Jahren vor allem auf den Atomkonflikt konzentriert. Doch es gab und gibt im Iran massive Menschenrechtsverletzungen.

Nur ein freier Iran wird künftig seine Menschen schützen, ihnen Freiheit und Grundrechte garantieren. Für die Politik der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem Iran heißt das unmissverständlich: ein Weiter-wie-bisher darf es nicht geben!

Wir, iranischstämmige Deutsche und Iraner, deren Heimat Deutschland ist, appellieren in diesen bitteren Stunden an die Weltgemeinschaft, an Europa und an Deutschland: Bitte lassen Sie die Studentinnen und Studenten, die Journalistinnen und Journalisten, die Reformer, die Menschen auf der Straße, die jetzt um ihr Leben, um ihre Freiheit und ihre Rechte kämpfen, nicht allein!

Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs gehören Ali Samadi Ahadi (Autor und Regisseur), Omid Nouripour (Bundestagsabgeordneter) und Ehssan Dariani (Unternehmer).

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