Offensive in Afghanistan : Die Taliban können abwarten

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Colin Powell lässt grüßen: „Overwhelming force“ war dessen Devise im ersten Irakkrieg zur Befreiung Kuwaits 1990/91. Wer mit erdrückender militärischer Überlegenheit angreift, muss im Zweifel kaum noch kämpfen und hat nur wenig Gefallene zu beklagen. Denn der Gegner nimmt Reißaus. Im neunten Kriegsjahr in Afghanistan steigern die US-Truppen die Powell-Doktrin bei ihrer Offensive gegen die Taliban-Hochburg Mardscha noch. Sie haben den Angriff seit Tagen mit Flugblättern in der Landessprache angekündigt. Das ist sehr ungewöhnlich. Das Überraschungsmoment gilt sonst als Vorteil, auf den Angreifer ungern verzichten.

Der erste Teil des Kalküls scheint aufzugehen. Die Truppen stoßen auf geringen Widerstand. Entweder haben sich die Taliban ins unwegsame Gelände zurückgezogen oder sind in die Zivilbevölkerung eingetaucht. Über den langfristigen Erfolg sagt das wenig. Niemand hat bezweifelt, dass eine 15 000 Mann starke Truppe Mardscha einnehmen und von Gegnern säubern kann. Die Frage ist, ob afghanische Armee und Polizei solche Orte auf Dauer halten und das verdeckte Einsickern des Gegners verhindern können. Anfangs werden sie noch die Unterstützung der Amerikaner und anderer Nato-Kräfte haben. Doch schon bald sind sie zunehmend auf sich gestellt. Die USA wollen 2011 mit dem Rückzug beginnen und zuvor noch viele ähnliche Orte befreien. Da bleibt kaum Zeit zum Sichern eroberten Geländes. Die Taliban können abwarten.

Die Tragik ist: Hätte Powell seine Doktrin zu Beginn des Afghanistankriegs durchsetzen können, als er Außenminister war, hätten Bush und die Alliierten damals die nötigen Truppen bewilligt, sähe Afghanistan heute anders aus. Mehr als acht Jahre danach kommt die Wende womöglich zu spät. Die Bürger der Nato- Staaten sind nicht mehr zu Opfern ohne absehbares Ende bereit.

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