Meinung : Oh Wort, du Wort, das mir fehlt

Die säkularisierte Welt kann mit der Predigt nichts mehr anfangen: Warum man über Glaubensgeheimnisse öffentlich schweigen sollte

Thomas Lackmann
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Thomas Lackmann hat katholische Theologie studiert und ist Autor des Tagesspiegels.

Was sagt man einer Welt, die einen nicht versteht? Es gab wohl eine Zeit, in der die Predigt noch funktionierte. Praedicare heißt: öffentlich aussagen. Unter Protestanten kursiert der Witz von jenem erfahrenen Küster, der nach Probepredigten Noten verteilte: 1 – „Sie werden eine Posaune des Herren werden“. 3 – „Sie haben mich erbaut.“ 6 – „Sie hatten die Lieder gut ausgewählt.“ Katholiken kennen St. Antonius, dem es einst in Rom nur durch seinen Redeschwung gelang, mit anderssprachigen Konzilsgästen zu kommunizieren; der, als Riminis Bürger ihn ignorieren, den Fischen predigt, bis diese ihre Köpfe aus dem Meer strecken; der in Padua Hunderttausende unter freiem Himmel erreicht, die ganze Region bekehrt haben soll. Verwandte versöhnen sich, Huren werden ehrbar, und – unglaublich! – gegenseitig erlässt man sich alle Schulden, ertrickste Zinsen werden erstattet. Leider sind nur ein paar Antonius-Manuskripte erhalten; wie diese Posaune das genau gemacht hat, weiß kein Mensch.

Irgendwann ist dann aber bis zur Kirchenleitung durchgedrungen: dass sich keine Region mehr bekehren will; dass die Erbauung nachlässt; dass Lieder den Kirchenschlaf nur noch selten verhindern. Ein Einheitsbekenntnis war beim Publikum kaum noch vorzufinden: Jene gläubige, mittelalterliche Öffentlichkeit, die vorzeiten ein St.   Anton adressieren konnte, hatte sich in säkulares Feindesland verwandelt. Den Glaubensführern schwante, dass dies Problem nicht nur Predigten betraf; dass ihr Auditorium mit Katechismus-Termini immer weniger anfangen konnte. Da sie an ihrem öffentlichen Auftrag festhalten wollten, begannen sie, ihr Marketing zu überarbeiten.

Die Protestanten ersetzten ihre poetische Luther-Bibel durch die fluffige „Gute Nachricht“, die sterile „Einheitsübersetzung“ und eine Bibel in „gerechter Sprache“ sowie ihre grandiosen, barocken Choräle durch Lagerfeuersongs. Die Katholiken veranstalteten ein phänomenales Modernisierungskonzil, beschlossen prophetische Konstitutionen zur „Kirche in der Welt von heute“ und ersetzten ihre Liturgiesprache durch Volkssprache für jeden. Um ihre schönen römischen Konstitutionen in die Realität konkreter Ortskirchen zu transferieren, veranstalteten sie eine langjährige Laiensynode, die Berge gescheiter Papiere produzierte; freilich keine Texte, die den Leuten am Marktplatz erklärt hätten, wie das Neue in die Welt kommt. Schließlich fingen sogar Päpste an, leibhaftig auf Mattscheiben zu erscheinen, und gewannen, ohne Super-Rhetorik, Sympathisanten jenseits des Vatikans. Aber von allen Reden, die sie urbi et orbi, gedruckt oder im Internet, hinterließen, blieben keine rechtgläubigen Formulierungen in Erinnerung, nur große Bilder: vom Repräsentieren, vom Zelebrieren, manchmal vom Sterben.

An diesen Verständigungsstau waren Funktionäre, Kirchgänger und Randgläubige seit langem gewöhnt: als jüngst Karl Lehmann auf unerwartete Art das Wort ergriff. Das hatte der Kardinal, ein respektierter Brückenbauer, zwar oft schon getan, doch diesmal war sein Statement, ein vertraulicher Brief, nicht publik gemeint. Er kritisierte darin den Intellektuellen Navid Kermani, der mit ihm einen Preis erhalten sollte: Jener habe das Kreuz als „Gotteslästerung“ bezeichnet. Tatsächlich hatte der Islamwissenschaftler, angeregt durch ein Barockgemälde, sogar die Leidenslust frommer Passionsmalerei mit schiitischer Martyriums-Obsession verglichen, „exzessiv bis zum Pornografischen“ – zuletzt aber eigene Faszination eingeräumt: „Ich könnte an ein Kreuz glauben.“ Lehmann wurde, als Dialog-Muffel, medial abgekanzelt. Was dahinterstecken könnte, wenn ein Wort vom Kreuz Skandal macht, ist hinter der kardinalen Personalie eher untergegangen.

Dieser Tage nun hat sich der Kardinal im Rahmen seiner Stiftungsprofessur „Weltreligionen“ aufs Neue öffentlich gemeldet; mit einem Vortrag („Was heißt: Dialog der Religionen?“), der als Reflex auf die Kermani-Affäre interpretiert werden kann. Dabei dreht sich seine Lektion, genau betrachtet, keineswegs exklusiv um den Kontakthof der Religionen, obwohl Kirchendiktion gern zwischen innerkirchlichem, ökumenischem und interreligiösem Diskurs unterscheidet. Lehmanns Analyse kritisiert einen Dialog, der an „Findung von Wahrheit“ desinteressiert sei. Heute gelte es bereits als Verletzung der Dialogbereitschaft, den eigenen Standort nicht zu verbergen! Als „Begegnungsform“ schlägt er den Begriff „religiöses Zeugnis“ vor. Auf diese Weise könne man, durch Artikulation von Erfahrung, „sinnvoll miteinander sprechen, auch wenn sich (noch) kein gemeinsamer Begriffsrahmen einstellt“. Das Zeugnis beinhalte hohes Verständigungspotenzial. Andererseits sei „nicht alles, was sich in unseren Gedanken abspielt … so, wie es sich abspielt, der sprachlichen Wiedergabe fähig“.

Sollte sich jede öffentliche Aussage zu Glaubensdingen Karl Lehmanns Bescheidung aneignen? Wer die Homepage „Der Predigtpreis“ studiert, den der „Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG“ vergibt, könnte meinen, zeitgemäße Antons-Posaunen ließen sich durch Sprachdesign und Emotionsprisen herstellen. „Vielleicht muss die Predigt heute ein Kino aus Wörtern sein“, sagt einer der Preisträger: Sie solle „Bilder entstehen lassen, zur Identifikation anregen, mit Hilfe der Worte Fantasie wecken und zum Weitererzählen anregen“. Klingt o. k. Trotzdem gibt es mindestens fünf Gründe, warum – Wortkino hin, Fantasie her – christliche Spezifika verbal eigentlich nicht in Erfahrungen Anders- oder Ungläubiger zu transponieren sind.

Erstens: Das Christentum hat einen Menschheitsanspruch; wer alle gleich anspricht, zum Beispiel auf Sozialpädagogisch, redet über den einzelnen – Malaysier oder Oberbayern – hinweg. Das Christentum würdigt den Einzelnen als „Gottes Ebenbild“; wer sich ganz auf das konkrete Individuum und sein Milieu konzentriert, verfehlt andere Kulturen. Dabei bedeutet der zentrale christliche Begriff Inkarnation, dass göttliche Qualität sich mit menschlicher Physis und gesellschaftlicher Struktur vor Ort in neue Realität verwandelt. Wie diese Vielfalt-in-Einheit-Alchimie geht: darüber grübeln Gelehrte seit knapp 2000 Jahren. Latein oder Englisch für alle ist keine Lösung. Die Übersetzung braucht mehr als Grammatik; sie müsste Differenzen integrieren.

Zweitens: Auch Empfänger haben Scheuklappen. Die Lehre vom „hermeneutischen Zirkel“ behauptet, dass der Adressat den Anderen nur aus dem eigenen Vorurteil versteht. Annäherung sei nicht direkt, nur in Form einer das Gegenüber umkreisenden geistigen Verstehensbewegung möglich, nie völlig zu realisieren – so der Philosoph Gadamer. Für den Theologen Schleiermacher ist das Nichtverstehen des Anderen der durch Hermeneutik (Verstehenslehre) zu überwindende Regelfall. Sein Kollege Klaus Berger sieht die Fremdheit gar als Vorbedingung: damit überhaupt etwas bewirkt werde. Ob das Neue Gestalt gewinne, „Macht und Gewohnheit“ durchbrochen werden, sei eine Frage der Sprache. Der Zuhörer sei nicht „loyal“, sondern auf Konsum aus, er wolle den Text „in seine Kultur hineinziehen, nicht aber in seiner Fremdheit stehen lassen“.

Drittens: In der antiken Kirche sollen missverständliche Glaubensinhalte unter die Arkandisziplin (arcanum = Geheimnis) gefallen sein: Sie wurden Außenstehenden verheimlicht. Als das Christentum Staatskirche wird, entfällt diese Sicherheitspraxis, Anstößiges wird zur Harmlosigkeit abgeschliffen: das Kreuz – Folterbalken für Verbrecher und zur blasphemischen Ermordung des Gottessohnes; die Eucharistie, ein kannibalische Assoziationen weckendes Abendmahl; die Trinität eines als Vater, Sohn, Heiliger Geist in Pluralität & perfekter Einheit existierenden monotheistischen Wesens. Seit dem 16. Jahrhundert attackieren Protestanten die These von der Geheimtradition. Dietrich Bonhoeffer hat die Arkandisziplin dann unterm Eindruck der NS-Diktatur positiv besetzt: Es gehe um Wiederherstellung des „geschützten inneren Gottesdienstes“. Mit der Volkskirche sei – auf Kosten kompromissloser Evangeliums-Botschaft – eine Volkspredigt entstanden, die zu Politpropaganda verkommt oder zum „Ausdruck des frommen Selbstbewusstseins“.

Viertens: Wenn es in der Religion um Transzendenz geht, lässt sich das Mysterium des radikal Anderen nicht in analoge Muster übersetzen. Das IV. Laterankonzil hat (damals, 1215, war St. Anton ein Twen) verkündet: Menschenrede von Gott sei stets um ein vielfaches falscher als zutreffend. Wo konservative Katholiken heute die vorkonziliare Messe mit lateinischer Liturgie und vom Volk abgewandtem Altar propagieren, suchen sie nicht zuletzt das verloren geglaubte, zerquasselte Heilige.

Fünftens: Im säkularisierten Umfeld fehlen Antennen zur Adaption frommer Botschaften. Arnold Schönberg, der getaufte, 1933 zur Synagoge zurückgekehrte Komponist, verweist auch auf diesen Konflikt der Moderne in seinem – als Konfrontation zwischen Bild und Gedanke, Institution und Charisma angelegten – Fragment „Moses und Aaron“, das mit dem Verstummen des Propheten abbricht: „Oh Wort, du Wort, das mir fehlt …“ Durch den Zivilisationsbruch spitzt sich das Verständigungsdilemma zu: Wie nach Auschwitz von Gott reden? Papst Benedikt als Israelbesucher hat erlebt, dass korrekte Sätze allein den Bruch nicht überwinden.

Was sagt man einer Welt, die von Talkshow-Geblubber und Funktionärsfloskeln zugetextet wird?

Berliner Katakomben-Szene, Sommer 2009: in der Krypta von Maria Regina Martyris, einer Kirche, die Widerstandszeugen gegen das NS-Regime geweiht ist. Anwesend: Nonnen eines strengen Klosters nebenan; freikirchliche Besucher; randständige Zufallsgäste; Freunde jenes 1994 verstorbenen Bischofs Klaus Hemmerle, dessen Biografie durch den Autor Wilfried Hagemann („Verliebt in Gottes Wort“, Echter Verlag, 2008) vorgestellt wird . Die Intimität der Runde reduziert Hemmschwellen der Arkandisziplin. Die Intensität überbrückt Differenzen. Das Bild eines Kirchenmannes entsteht, der als Wortakrobat, Pianist, Maler ein Künstler war; der als Gelehrter die Erfahrungstheologie des mittelalterlichen Franziskaners Bonaventura wie die Sprachphilosophie Martin Bubers und Franz Rosenzweigs für seine Zeit adaptiert; der mit Komik und wacher Zuwendung Glaubwürdigkeit erwirbt und in solchen Begegnungen als Seelsorger und Prediger verstanden wird.

Sein Konzept zur Basis-Aktivierung hatte dieser Bischof, statt altmodisch „Hauskirche“ zu sagen, „Weggemeinschaft“ genannt, aber keinen Zweifel daran gelassen, dass es ihm um Gegenwart Gottes geht, dass dieser Weg Geduld braucht: „Ich wollte nicht, dass das Volk Gottes ein paar Dinge sagt, und die Verwaltung macht dann Pläne und setzt die in Kraft; sondern ich wollte, dass auch die Verwaltung auf das Volk Gottes hört und dass der Bischof auf das Volk Gottes hört und in diesem Hören nicht einfach das vollstreckt, sondern dann antwortend selber das wieder ins Gespräch gibt, was die Antwort darauf ist.“

Es wäre unfair, brave Frontkämpfer, die ihren Glauben öffentlich aussagen wollen, an einem Ausnahme-Hirten zu messen, der Institution und Charisma so einnehmend verbinden konnte. Doch an diesem Katakomben-Abend möchten wir glauben, dass die guten Gründe, vom Glauben öffentlich zu schweigen, nicht nur durch das Flügelpferd der Kunst, auch durch überzeugendes Leben überwunden werden könnten; durch jene kommunikative „Theologie als Zeugnis“, die von Hemmerles Seinslehre und seiner provokanten Formel „Der Andere ist wie ich – aber Gott ist wie der Andere“ nicht zu trennen ist. An diesem Abend scheint es nur eine Frage der Zeit: bis die Fische und Kreditgauner, in Rimini und anderswo, bekehrt ihre Köpfe aus der Flut strecken.

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