Meinung : „Ohne Amerikas Militärmacht herrscht Chaos“

Christoph von Marschall

Lange nichts gehört von Joschka Fischer? Ein Dreivierteljahr nach dem Ende von Rot-Grün ist der Ex-Außenminister auf dem Weg in die Neue Welt. Von Herbst an soll er an der amerikanischen Eliteuniversität Princeton lehren. Noch ist das nicht offiziell, neugierigen Journalisten sagt Fischer: „Abwarten. Ich habe euch nichts Neues mitzuteilen.“ Aber beim Dinner der Arthur-F.-Burns- Stiftung und der Investmentbank Goldman Sachs am Dienstag in New York ist von ihm auch zu hören, er werde „bald öfter in der Gegend sein“. Für den neuen Lebensabschnitt hat der 57-Jährige sich abermals neu erfunden – und kräftig an Kampfgewicht zugelegt.

Seine politische Biografie, wie er sie hier erzählt: Für das Kind Ungarn-Vertriebener waren US-Soldaten die Guten, „chocolate“ und „chewing gum“ seine ersten englischen Worte, ganz jung schon wurde er zum Amerikafan. „Ich bin Beweis einer erfolgreichen US-Außenpolitik.“ Der Straßenkämpfer hörte in Frankfurt am Main den Soldatensender AFN, Bob Dylan war wichtiger als jeder deutsche Sänger, 1968 in Deutschland ohne das Vorbild der amerikanischen Protestbewegung undenkbar.

Zeitzeugen aus den 70er Jahren in Frankfurt erinnern es etwas anders: Fischer habe damals nicht nur die US-Politik, sondern auch die amerikanische Kultur abgelehnt, sei ein Gegner des Westens gewesen, habe selbst linke Sozialdemokraten des Faschismus verdächtigt. Und doch ist seine Liebeserklärung an die USA an diesem Abend in New York kein höfliches Lippenbekenntnis, sie kommt aus dem Herzen. Man hat Ähnliches mehrfach von ihm hören können in jüngeren Monaten und Jahren. Immer, wenn Fischer sich neu erfindet, glaubt er fest daran, dass er schon immer so war: kritisch gegenüber Amerikas Regierung, aber ein Jünger der US-Kultur.

„Amerikas Macht und Führung sind unverzichtbar, ohne das US- Militär herrschte Chaos in der Welt“, sagt er. Die USA sind das Zentrum der Entspannungspolitik, besonders innerhalb Europas. „Die Polen sind entspannt, weil die USA im Hintergrund da sind, die Franzosen sind entspannt – und ich bin es auch.“ Der Irakkrieg war „keine weise Entscheidung“. Aber „dieser Konflikt liegt hinter uns“. Er beschwört die USA, Bündnisse zu bilden. „Partner zu haben, ist kein Zeichen von Schwäche.“ Der Westen muss sich neu finden unter amerikanischer Führung. Das wird wohl sein Thema in Princeton. Willkommen in der Neuen Welt!

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