Meinung : Ohne Besitzstand

Pragmatische Jugend – da liegt eine Chance für Rot-Grün Von Klaus Hurrelmann

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In der mittleren und der älteren Generation führt der Reformkurs der Regierung Schröder zu erheblichen Irritationen über die SPD. Vor allem die traditionellen, gewerkschaftlich ausgerichteten Sympatisanten der Partei gehen auf Distanz. Bei der jungen Generation gibt es diese Gruppen kaum, deswegen hat der Reformkurs, richtig vermittelt, bei den 18 bis 30-Jährigen eine echte Chance. das ist auch eine Chance für die SPD.

Die Wertauffassungen und politischen Orientierungen der jungen Generation waren schon immer wegweisend. Wer heute Prognosen zu politischen Trends treffen will, muss die Jugendlichen fragen. Die Wertorientierung der jungen Generation hat sich innerhalb von zehn Jahren deutlich gewandelt. Ein pragmatisches Nutzendenken, verbunden mit dem Wunsch nach Sicherheit und Einfluss, gewinnt an Boden. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage ist die Zuversicht der jungen Generation, sie werde ihren eigenen Weg gehen können, so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr, trotz der gegenwärtigen Lehrstellenknappheit.

Was man sich von der Politik wünscht, ist ein klarer und nachvollziehbarer Kurs, der Lösungen für die akuten wirtschaftlichen und die Arbeitsmarktprobleme einleitet. Die Regierung Schröder sollte klarmachen, dass sie eben dieses tut. Die Leistungs- und die Engagementelite der jungen Generation ist für eine solche Politik zu gewinnen. Es sind vor allem die – wie wir sie in der Shell-Jugendstudie genannt haben – „selbstbewussten Macherinnen und Macher“, die sich durch eine Orientierung an Sicherheit, Fleiß und Ehrgeiz auszeichnen, Toleranz und soziales Engagement schätzen, etwas leisten und Karriere machen wollen. Sie sind wache Umweltmonitoren, mit einem kräftigen Schuss opportunistischer Taktik bei der Durchsetzung eigener Interessen. Wenn sie sehen, dass eine Regierung in einer schwierigen Konstellation Kurs hält und Lösungen anstrebt, dann sind sie ansprechbar, junge Männer und Frauen gleichermaßen.

Das gilt auch für die Engagementelite, die „pragmatischen Idealistinnen und Idealisten“. Dort sind die jungen Frauen dominant, sie betonen die Werte von Kreativität und sozialem Engagement, setzen nicht so sehr auf das Durchboxen und das Kalkulieren von Vorteilen und Nachteilen, sondern sind bereit, sich auch über den Eigennutzen hinaus zu engagieren. Sie suchen nach einer sozialen Komponente in der Regierungspolitik. Die ist gegenüber den weiterreichenden Vorstellungen von Union und FDP nicht zu übersehen. Beide Gruppen zusammen, die Leistungs- und die Engagementelite, machen weit über die Hälfte der Angehörigen der jungen Generation aus. Sie sind die politischen Meinungsbildner. An ihnen muss sich eine Politik orientieren, die einen langen Atem hat.

Die rot-grüne Bundesregierung hat ein Konzept, das sie – allerdings nach langem Zögern und viel Hin und Her – seit einem Jahr verfolgt. Das Konzept verspricht den Ausweg aus einer Krise, und das ist für die Angehörigen der jungen Generation von höchstem Interesse. Was jetzt fehlt, ist ein engagiertes Bekenntnis zur eigenen politischen Linie der SPD – nach dem Vorbild der Grünen. Das muss sich im Wahlkampf niederschlagen. Wahlkämpfe, in denen die große Regierungspartei die Regierungspolitik kritisiert, sind schon verloren. Gerade junge Wählerinnen und Wähler setzen auf Glaubwürdigkeit, sie wollen eine Partei wählen, die auf eine Karte setzt und ein klares Programm hat.

Für die SPD sind sowohl die Pragmatiker als auch die selbstbewussten Macherinnen und Macher eine erreichbare Gruppe. Gerade auch mit einem Kanzler Schröder und seinem persönlichen Image. Deswegen gehört er mit seinem Programm in jeden Wahlkampf, auch auf kommunaler Ebene. Kein junger Mann und keine junge Frau wählt eine Partei, von deren politischer Linie sich, und wenn auch nur in Nuancen, ein kommunaler Kandidat distanziert. Das wirkt unglaubwürdig und unsicher, und dafür haben Jugendliche einen siebten Sinn.

Die nächsten Wahlkämpfe entscheiden sich bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht daran, ob man die Enttäuschten und Resignierten anspricht, sondern ob man das optimistische Zukunftspotenzial und die pragmatische Grundeinstellung erreicht, die in der jungen Generation sehr stark sind.

Der Autor ist Professor für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld und hat die Shell-Jugenstudie miterstellt.

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