Meinung : Ohne Rückversicherung

Die Wirtschaft ist auf eine Grippepandemie nicht vorbereitet

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Alexander S. Kekulé Deutsche Unternehmen haben sich so manches Unglück gründlich ausgemalt: Explosion in der Chemiefabrik, Feuer im Papierlager, Erdbeben im Bergwerk – es gibt kaum eine Katastrophe, sei sie noch so unwahrscheinlich, für die kein Plan in der Schublade liegt. Doch ausgerechnet bei der Grippepandemie verlässt die Risikomanager der Konzerne ihre Phantasie. Konkrete Pläne für den Fall der Fälle existieren so gut wie nirgends.

Dafür gibt es zwei typische Begründungen, die durch ihre diametrale Gegensätzlichkeit verblüffen. Die einen meinen, eine Pandemie sei letztlich auch nur eine Grippewelle, die kein herausragendes Risiko darstellt. Moderate Szenarien mit einem Krankenstand von 25 Prozent seien schon irgendwie verkraftbar, zumal bereits eine normale Grippesaison bis zu 15 Prozent Personalausfall verursacht. Die anderen gehen davon aus, dass im Pandemiefall sowieso alles zusammenbricht: Wozu sollte ein Unternehmen weiter produzieren, wenn Zulieferer, Abnehmer und Warenverkehr ausfallen? Eine Pandemie, so konstatierte kürzlich der Risikoanalyst einer großen deutschen Bank, sei eben ein „klassisches High-Impact-Low-Risk-Problem“ – also von der gleichen Kategorie wie Meteoriteneinschläge, Tsunamis und GAUs in Kernkraftwerken. Solche Megakatastrophen können sogar für Rückversicherer heikel werden; für gewöhnliche Unternehmen stünde der gigantische Aufwand für die Abwehr der Gefahr in keinem Verhältnis zu ihrer winzigen Eintrittswahrscheinlichkeit.

Beide Standpunkte verkennen jedoch die tatsächlichen Auswirkungen einer Pandemie. Erstens ist die Grippepandemie zwar „high-impact“ (mit großem Schaden verbunden), jedoch keineswegs „low-risk“ (extrem selten): In der Vergangenheit gab es durchschnittlich drei Pandemien pro Jahrhundert. Zweitens riskieren die Unternehmen weit mehr als 25 Prozent Personalausfall. Ein besonders aggressives Influenzavirus könnte durchaus die Hälfte aller Erwerbstätigen ins Bett zwingen. Hinzu kämen Mitarbeiter mit banalen Erkältungen, die zu Hause bleiben müssten, weil eine Influenza zunächst nicht ausgeschlossen werden kann. Dazu kämen viele aus Angst vor Ansteckung nicht zur Arbeit – dies könnte der größte Teil sein, wenn in Deutschland knapp Hunderttausend sterben und allgemeine Panikstimmung herrscht.

Drittens ist Prävention deutlich billiger als tatenloses Zusehen. Der panikbedingte Personalausfall wird umso größer sein, je schlechter die Unternehmen (und der Staat) auf die Pandemie vorbereitet sind. Um den Betrieb abzusichern, müssen die Arbeitgeber interne Pandemiepläne erstellen, Schutzausrüstung und Grippemittel (Tamiflu, Relenza) für ihre Mitarbeiter einlagern und Hygienemaßnahmen planen.

Die Pandemieplanung ist auch für professionelle Risikomanager Neuland. Bei lokalen Ausfällen durch Feuer, Wassereinbruch oder Erdbeben können oft weiter entfernte Standorte die Produktionsausfälle kompensieren. Doch was macht ein Autohersteller, wenn im ganzen Unternehmen niemand mehr die Fließbänder bedienen kann? Was wird aus dem Flugverkehr, wenn ein Großteil der Lotsen ausfällt? Beim Risikomanagement für Pandemien geht es nicht um Standorte und Anlagen, sondern um Menschen und ihre Qualifikationen. Die für den Betrieb entscheidenden Mitarbeiter müssen (auch bei Zulieferern und Subunternehmern) identifiziert, weitestgehend geschützt und zur Weiterarbeit motiviert werden. In vielen Bereichen kann es dazu sinnvoll sein, über Datennetze verbundene Heimarbeitsplätze einzurichten.

Immerhin haben Betriebsärzte, Risikoanalysten und Versicherer das Problem inzwischen erkannt, einige Großunternehmen arbeiten bereits an eigenen Pandemieplänen. Dadurch wird nicht nur der Schaden für die Volkswirtschaft, sondern auch die Zahl der Krankheits- und Todesfälle in Deutschland verringert. Wenn die Supergrippe lange genug auf sich warten lässt, könnte sie vielleicht doch noch eine Katastrophe wie jede andere werden: Schrecklich, aber noch lange kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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