Ohnesorgs Tod : Die Stasi und der Schuss

Ein Schuss aus eineinhalb Metern in den Hinterkopf. So wurde Benno Ohnesorg getötet am 2. Juni 1967. Kam dieser Schuss von der Stasi? In dem Fall steckt mehr deutsch-deutsche Geschichte, als vielen lieb ist.

Robert Ide

Ein Schuss aus eineinhalb Metern in den Hinterkopf. So wurde Benno Ohnesorg getötet am 2. Juni 1967. Kam dieser Schuss von der Stasi?

Es ist ein Bild bundesdeutscher Geschichte, ein Symbol für das, was dann folgte: Der junge Demonstrant Benno Ohnesorg wurde mit seinem Tod zum Märtyrer der außerparlamentarischen Opposition weit über die eingemauerten Grenzen von West-Berlin hinaus. Überall in Westdeutschland flammten Studentenunruhen auf; die 68er formierten sich als Bewegung einer ganzen Generation, die eine verknöcherte Gesellschaft hinterfragte – auch nach ihrer Vergangenheit. Sie tat das mit Macht. Und zum Teil setzte sie auf Gewalt. Die RAF-nahe „Bewegung 2. Juni“ bezog sich in ihrem Namen auf den Tod Benno Ohnesorgs.

Jetzt, 42 Jahre danach, wird der Tod des Märtyrers neu verhandelt. Jetzt weiß man: Der Schütze, der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, war Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit und Mitglied der SED. So verschränkt sich deutsche Geschichte nachträglich.

Heute feiert die Bundesrepublik Deutschland den 60. Jahrestag ihrer Gründung, und genau in diesem Moment kommt eine irritierende Nachricht aus den Archiven der deutsch-deutschen Teilung, die ins Gedächtnis ruft, dass zur Geschichte der Bundesrepublik immer die Geschichte des anderen halben Deutschland gehört hat. Willy Brandt wäre ohne seine im geteilten Berlin erprobten Ideen von einer neuen Ostpolitik nicht Bundeskanzler geworden, er hätte ohne die von der Stasi gekauften Stimmen das Misstrauensvotum 1972 im Bundestag nicht überstanden; und er stürzte zwei Jahre später, weil einer seiner engsten Mitarbeiter ein DDR-Spion war. Wie die Bilder von Willy Brandt gehört das Foto des erschossenen Benno Ohnesorg zu den prägenden Momenten der Bundesrepublik. Nun muss auch dieses Bild neu beschichtet werden.

Vergangenheit ist nie so einfach, wie sie aussieht, erst recht nicht im einstmals zerrissenen Berlin. Auch die Geschichtsbilder, die nun zum 60. Jahrestag der Bundesrepublik über die Bildschirme und durch die Köpfe gehen, gilt es kritisch zu befragen. Nur so lassen sich die Wurzeln der neuen Bundesrepublik, die sich heute im neuen Berlin zu feiern gedenkt, richtig verstehen. Einfache Geschichtsbilder, die immer auch gern als politische Freund-Feind-Bilder benutzt werden, stehen diesem Verständnis im Weg. Die DDR hat RAF-Terroristen versteckt. Auch wenn die Stasi den Mord an Ohnesorg nicht in Auftrag gegeben hat, muss die Frage erlaubt sein: Wie hätte die Linke im alten Westen, die früher vom Sozialismus und in Teilen vom besseren Deutschland namens DDR träumte, auf die Nachricht reagiert, dass ausgerechnet ein SED-Genosse ihren Märtyrer erschossen hat?

Die Entwicklung Deutschlands nach 1945 kann nur als verschränkte Teilungsgeschichte erzählt werden. Das geschieht bisher zu wenig. Die Geschichten dieser Zeit lassen sich nicht einfach in Gut und Böse einteilen. Die Stasi mit ihren am Ende 90 000 offiziellen und 180 000 inoffiziellen Mitarbeitern war keine rein ostdeutsche Angelegenheit. Sie darf es in ihrer Bewertung auch heute nicht sein. Mehr als 10 000 Bundesbürger und West-Berliner haben für das Schild und Schwert der DDR-Staatspartei gespitzelt und dafür meist Geld erhalten – laut der überlieferten Unterlagen auch der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras. Der Unterschied zu manchem Spitzel aus der DDR war: Diese Menschen, die es zum Teil bis zu höchsten Positionen im demokratischen Teil Deutschlands brachten, haben ohne Not gehandelt. Einer von ihnen wurde erst 42 Jahre später entdeckt, durch einen Zufallsfund. Daraus lässt sich schließen: Viel Vergangenheit ist noch nicht aufs Neue befragt.

Wie viel deutsch-deutsche Geschichte steckt im Fall Benno Ohnesorg? Mehr, als vielen lieb ist, die in den Bildern der Bundesrepublik nur die Bonner Republik mit ihrem Schaufenster West-Berlin erkennen. Es braucht einen neuen Blick zurück auf das gemeinsam Geteilte, wenn sich die Demokratie heute feiert.

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