Meinung : „Okay, das Kind ist tot"

Jennifer und Jakob: Zwei Morde aus niederen – aber verschiedenen – Motiven / Von Gerhard Mauz

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Es ist so, als habe eine böse Dramaturgie uns vorführen wollen, wie verwirrend und verwoben die Anlässe für eine Straftat sind. Und wie schwer erfassbar ihre Ursachen. Jennifer und Jakob: Das prägt sich doch ein.

Jennifer Haack, 16 Jahre jung, ist ermordet worden. Dringend tatverdächtig ist Stefan E., 37, ein Mann, der bereits zweimalig wegen Sexualverbrechen verurteilt wurde. Erst vor zwei Monaten kam er nach Verbüßung der zweiten Strafe wieder auf freien Fuß. Er stand unter Bewährungsaufsicht. Doch die Bewährungshelfer sind heillos überlastet.

In Niedersachsen werden nach Sexualtaten meistens DNA-Analysen gespeichert und von Vergewaltigern Speichelproben entnommen. Christian Pfeiffer, Niedersachsens Justizminister, der schon lange, bevor er in die Politik ging, ein hochangesehener Wissenschaftler war, sagt: „Die Wahrscheinlichkeit des Erwischtwerdens ist für einen beachtlichen Teil potenzieller Sexualstraftäter ein Grund, sich zusammenzureißen und es zu lassen."

Das trifft gewiss zu. Doch nicht nur Sexuelles kann eine Tatursache sein. Es ist, wie wir nun lernen müssen, auch ein ganz anderes Motiv möglich – Habgier.

Am Freitag dem 27. September verschwindet der elf Jahre alte Frankfurter Bankierssohn Jakob von Metzler. Vor dem Haus der Bankiersfamilie wird ein mit einem Stein beschwertes Schreiben gefunden: „Wir haben Ihren Sohn entführt – keine Polizei – wir wollen Geld – eine Million Euro."

Es folgen detaillierte Anweisungen zur Übergabe des Lösegelds. Wenn man sich an diese halte, werde der Sohn am Montagmorgen wieder zu Hause sein.

Der Junge war längst tot

Die Familie von Metzler hält sich im Einverständnis mit der Polizei an diese Anweisungen. Peinlich genau, man will kein Risiko eingehen. Am Übergabeort hängen die Geldtüten über dem Geländer einer Haltestelle. Ein Mann taucht auf, untersucht die Tüten, mit denen er zurück zu seinem in 100 Meter Entfernung auf einem Waldweg geparkten Honda geht und abfährt.

Der Mann wird überwacht. Am nächsten Tag klappert er Banken ab. Er will wohl herausfinden, ob die Scheine registriert sind. In seinem Kofferraum soll zu diesem Zeitpunkt bereits die Leiche des kleinen Jakob gelegen haben. Der Mann ist 1,96 Meter groß. Es hat ihn keine Mühe gekostet, den 1,45 kleinen Jakob solange zu drücken und zu drücken, bis das Kind tot war. Er habe ihn nicht töten wollen, wird er später sagen. Dass er die Tat lange geplant hat, steht für die Ermittler fest. Er hat Kontakt zu Kindern aus wohlhabenden Familien gesucht.

Auch sucht er mit seiner Freundin ein Autohaus in Aschaffenburg auf und bestellt sich einen Mercedes der C-Klasse, auf den er 700 Euro anzahlt. Es ist ein schrecklicher Moment für die Familie Metzler, als sie den n des Mannes erfährt. Er ist ein Bekannter. Ihr Sohn würde ihn identifizieren können. Der Entführer kann ihn nicht lebend entkommen lassen.

Die Polizei nimmt ihn fest. Sie hofft herauszufinden, wo Jakob versteckt ist. Er redet hin und her, stundenlang. Dann fällt der ungeheuerliche Satz: „Okay, das Kind ist tot." Er hat Jakobs Leiche ins Wasser geworfen. In einem Fischteich wird sie gefunden.

Es gibt keine Worte dafür, wie sehr man am Schmerz der Eltern des Kindes teilnimmt und für sie bittet.

Habgier ist keineswegs ein harmloseres Tatmotiv, im Gegenteil, auch wenn sie als denn doch „reiner“ gilt, weil sie ja nichts Sexuelles ist. In der Habgier versteckt sich eine zutiefst negative Tendenz. Sie lässt sich mit Heuchelei verhüllen und sogar als eine denn doch nachvollziehbare Position ausgeben.

Gerhard Mauz ist Autor des „Spiegel“. Foto: Dir Reinartz

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