Meinung : Olympia 2008: Kritik und Spiele

Harald Maass

Politik dürfe bei der Entscheidung keine Rolle spielen. Diese Losung hatte IOC-Chef Juan Antonio Samaranch seinen Delegierten mit auf den Weg gegeben, als sie vergangene Woche zur Abschlussprüfung nach Peking reisten. Monatelang hatte sich Peking für den viertägigen Besuch vorbereitet, der über Olympia 2008 mitentscheidet. Wohnblocks waren neu gestrichen worden, die Straßen gefegt. Doch die vorolympische Inspektion wurde von der Politik überschattet. Zwei Bürgerrechtler, die es wagten, gegen die Olympiabewerbung das Wort zu erheben, landeten im Gefängnis.

In Wahrheit wird Politik über Pekings Bewerbung entscheiden. Wäre China eine Demokratie, dann wäre die Sache wohl entschieden. Nach Seoul 1988 ist wieder ein asiatisches Land an der Reihe. Peking repräsentiert mit 1,3 Milliarden Chinesen ein Fünftel der Menschheit. Organisatorisch ist die Stadt den Mitbewerbern Paris, Toronto, Osaka und Istanbul nicht wesentlich unterlegen. Doch China ist nicht demokratisch. Die Repressionen haben zugenommen, die autoritären KP-Führer haben das Land fest im Griff. Alle bekannten Oppositionellen sitzen derzeit in Gefängnissen oder harren im Exil aus. Minderheiten wie die moslemischen Uiguren, die Tibeter und die Anhänger des Falun Gong-Kultes werden unterdrückt. Darf die Welt hier ihr größtes Sportfest feiern?

Die Antwort von Menschenrechtlern und konservativen US-Politikern ist ein reflexartiges Nein. Manche gehen soweit, China mit Deutschland 1936 zu vergleichen. Pekings Befürworter, allen voran IOC-Chef Samaranch, argumentieren ebenfalls mit Menschenrechten - nur umgedreht. Samaranch meint, dass Olympia die Demokratie fördere. Als Beispiel nennt er gerne Südkorea. Unter internationalem Druck entließ das damalige Militärregime vor den Spielen Dutzende Bürgerrechtler. Olympia würde sicher auch "Chinas Menschenrechtssituation verbessern", behauptet Pekings Vizebürgermeister Liu Jingmin - jedoch ohne konkrete Zugeständnisse zu machen. Andere sehen in den Spielen in China sogar eine Friedensgarantie für ganz Asien. Dann werde Peking zumindest bis 2008 keinen Krieg mit Taiwan anzetteln.

Eine Frage von Krieg und Frieden? Vielleicht sollte das IOC Olympia als das sehen, was es ist: ein großes Sportfest - nicht mehr und nicht weniger. Die politische Überhöhung ist in beiden Richtungen falsch. Der Zuschlag an Peking würde die Menschenrechts-Lage weder verbessern noch verschlechtern. Und wenn Chinas Führer tatsächlich einen Krieg mit Taiwan anzetteln wollen, werden sie das tun - mit und ohne Sportfest.

1993 hatte sich Peking schon mal beworben. Damals bekam es den Zuschlag zu Recht nicht. Nach dem Massaker von 1989 war das Land isoliert, kaum ein Pekinger sprach damals Englisch. Mittlerweile hat sich das geändert. China hat sich geöffnet und muss in die Weltgemeinschaft eingebunden werden - im Sport wie in der Politik. Deshalb soll Peking die Olympiade bekommen. Samaranch liegt jedoch falsch, wenn er meint, dass damit das IOC aus der politischen Verantwortung entlassen ist. Das IOC sollte die Lage der Menschenrechte bis 2008 beobachten und auf Verbesserungen drängen. Wenn Peking die olympischen Spiele will, muss es sich Kritik gefallen lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar