Meinung : Olympia 2008: Sieben gute Jahre

China missachtet die Menschenrechte, besetzt seit 52 Jahren wider das Völkerrecht Tibet und überzeugt Andersdenkende zur Not mit Panzern von der Richtigkeit der reinen Lehre. Zur Belohnung dafür darf Peking 2008 Olympische Spiele ausrichten. Was, um Himmels Willen, hat sich das IOC bei dieser Entscheidung gedacht?

Es gibt auch andere Argumente: dass die Ausrichtung Olympischer Spiele im Medienzeitalter mehr Risiken als Vorteile für ein totalitäres Regime bergen. Olympia in China kann als Chance zur Öffnung verstanden werden. Die Entscheidung für Peking ist eine gegen Paris und Toronto, gegen die satten Europäer und Nordamerikaner, die sich bei der Ausrichtung Olympischer Spiele über Generationen abgewechselt haben und für die zuerst der zu erwartende wirtschaftliche Erfolg gesprochen hätte. Spiele in Peking sind ein Signal: Olympia geht zu den Menschen, in das bevölkerungsreichste Land der Welt.

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Reaktionen: Stimmen zur Wahl Pekings zur Olympia-Stadt 2008 Was auch immer die IOC-Mitglieder zu ihrer Entscheidung bewogen hat: Sie haben den Schritt gewagt, vor dem der Fußball-Weltverband Fifa im vergangenen Jahr zurückgeschreckt war, als er die Weltmeisterschaft für das Jahr 2006 nach Deutschland und nicht nach Südafrika vergab. Beide Fälle sind nicht gleichzusetzen, die wirtschaftlich prosperierende Diktatur China und das Entwicklungsland Südafrika mit seiner jungen, labilen Demokratie. Und doch gibt es eine entscheidende Gemeinsamkeit. Sportliche Großereignisse wie Olympische Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften haben beide Länder noch nie ausrichten dürfen. Nicht zuletzt deswegen standen Südafrikaner und Chinesen in großer Mehrheit hinter den Bewerbungen ihrer Regierungen. Das IOC hat diesen Wunsch befriedigt und damit auch andere unter Druck gesetzt. Noch einmal wird es sich die Fifa nicht leisten können, Afrika mit der Hoffnung auf ein nächstes Mal zu vertrösten.

Bis zum Jahr 2008 hat die Weltgemeinschaft die Chinesen zwar nicht in der Hand, aber im gemeinsamen Boot. Sieben Jahre lang steht China unter besonderer Beobachtung. Die taiwanesische Regierung hat das mit ihrer Feststellung illustriert, olympische Spiele in Peking würden ihrem Land sieben weitere Jahre Frieden bringen, sie gegen Angriffe vom Festland schützen.

Möglicherweise ist es mit dieser Liberalität schon am Tag nach der Schlussfeier vorbei, und was sind schon sieben Jahre? Nun, sieben Jahre sind sehr viel. Welche demokratisch legitimierte Regierung kann ihre Politik schon auf einen so langen Zeitraum ausrichten, unterstützt von den Giganten der Weltwirtschaft mit ihrem Interesse am riesigen Markt China? Sieben Jahre lang hat die internationale Gemeinschaft Gelegenheit, Veränderungen herbeizuführen, die sonst kaum zu erreichen wären. Das gilt für Menschenrechte ebenso wie für die Vision vom sauberen Sport. Sieben Jahre lang können die Anti-Doping-Kämpfer auf der ganzen Welt darauf bauen, dass die Chinesen alles, aber auch alles daran setzen werden, ihren Ruf als Doping-Nation Nummer eins loszuwerden.

Natürlich ist die Vergabe der Spiele an Peking mit Unwägbarkeiten verbunden. Wenn sich das weltpolitische Klima verschlechtert, Peking auf Konfrontation umschwenkt, wenn flächendeckendes Doping bekannt werden sollte, dann wird sich das IOC der Forderung stellen müssen, den Chinesen die Spiele zu entziehen. Darunter litte die ohnehin zweifelhaft gewordene Rolle des Sports als weltpolitischer Mittler. Jede Chance hat eben ihr Risiko. Olympische Spiele in Peking sind eine Chance. Das ist mehr, als Paris oder Toronto hätten bieten können.

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