Olympia oder nicht? : Die deutschen Sport-Funktionäre warten ab

Berlin würde sich gern für die Austragung Olympischer Spiele bewerben, allein der deutsche Sport weiß noch nicht so recht, ob er nun Sommer- oder Winterspiele will.

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Der deutsche Sport hat sich aufgerieben für Thomas Bach, seinen Chef. Und er wird es weiterhin tun. Das hat er am Mittwoch beschlossen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) will jetzt „sorgfältig und ohne Zeitdruck“ überlegen, ob er beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dessen Vizechef Bach ebenfalls ist, noch einmal eine Olympiabewerbung einreicht. Nach den krachenden Niederlagen der Sommer-Bewerbungen für Berlin 2000 (zu dilettantisch organisiert) und Leipzig 2012 (zu klein konzipiert) sowie der jüngsten Winter-Pleite von München 2018 (zum falschen Zeitpunkt eingereicht) gibt es ja kaum noch Städte hierzulande, die Lust auf das olympische Rennen haben. Denn es ist teuer und mündet erfahrungsgemäß in einer deutschen Niederlage. Warum ist das so? Liegt es nur an den Städten oder auch am organisierten Sport? Die Antwort darauf bleibt der deutsche Sport schuldig. Sein Chef ebenso.

Berlin würde zwar wollen, aber für Sommerspiele 2020 – bei denen eine europäische Metropole gute Chancen hätte – ist plötzlich die Zeit zu knapp. Also eine Ehrenrunde 2024 und dann, alles oder nichts, 2028? Möglich. Die Voraussetzungen sind gut, zumindest was die Infrastruktur betrifft. Die Berliner Politik steht bereit, müsste sich allerdings in der eigenen Stadt und im Land frühzeitig mit NOlympia-Stimmungen auseinandersetzen – möglichst konstruktiv.

Allein der deutsche Sport weiß noch nicht so recht, ob er nun Sommer- oder Winterspiele will. Nur so viel: Wenn Schnee auf die Läufer fällt, dann bitteschön in München. Schau’n mer mal. In Bayern ist man sowieso noch damit beschäftigt, die eigene Niederlage in all ihrer Deutlichkeit zu verdauen.

Und so wartet der DOSB wieder ab, was Bach dazu sagt. Der aber hält sich zurück. Denn ihm ist, so unterstellen es zumindest seine Kritiker, etwas anderes wichtiger: die Nachfolge des IOC-Präsidenten Jacques Rogge anzutreten. Die Wahl steht in zwei Jahren an.

Dem ehemaligen Weltklassefechter Bach muss man grandiose taktische Finesse auch auf der sportpolitischen Planche bescheinigen. Im internationalen Sport gibt es neben dem unkaputtbaren Fifa-König Joseph Blatter kaum einen gewiefteren Mitspieler als ihn. Das Problem ist bloß: Der deutsche Sport erreicht trotz des Einflusses seines Chefs im IOC nicht einmal den olympischen Strafraum. Die mitreißenden Ereignisse der letzten Jahre – die Fußball-Weltmeisterschaften der Männer und Frauen sowie die Leichtathletik-WM in Berlin – haben sich Fußball-Bund und Leichtathletik-Verband alleine besorgt. Alle Anstrengungen des Olympiaverbands, die Weltspiele des Sports in ein organisatorisch erfahrenes Sportland zu holen, sind dagegen klar gescheitert. Stattdessen werden Städte gegeneinander ausgespielt – Hamburg gegen Leipzig, Berlin gegen München.

Wie der deutsche Sport international an ein olympisches Ziel kommen will, wissen die DOSB-Funktionäre nicht. Es scheint auch nicht viele zu kümmern. Wichtiger als Olympische Spiele ist offenbar die Karriere des Chefs.

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