Opel : Was sich rechnet

Wir sind das Volk, wir sind Papst – wir sind Opel. Die Aufschrift auf den gelben T-Shirts der Opelaner hat Charme. Aber tief blicken lässt sie auch. Maßlos überhöht haben die Deutschen das Schicksal eines Autoherstellers. Aber an Opel hängt die Volkswirtschaft nicht.

Moritz Döbler

Wir sind das Volk, wir sind Papst – wir sind Opel. Die Aufschrift auf den gelben T-Shirts der Opelaner hat Charme. Aber tief blicken lässt sie auch. Maßlos überhöht haben die Deutschen das Schicksal eines Autoherstellers. Dabei geht es nicht um eine Revolution oder Metaphysik. An Opel hängt die Volkswirtschaft nicht; so schwer die Sorgen der Beschäftigten wiegen, so gerne man sich an Kadett, Rekord & Co. erinnert.

Doch kurz vor der Bundestagswahl sind einfache Wahrheiten gefragt. Gewinner muss es geben und Verlierer. Klare Sache also: GM, der größte amerikanische Autokonzern, ist angesichts des Drucks aus Deutschland eingeknickt. Welcher Wahlkämpfer Kapital daraus schlagen kann, wird sich in den nächsten zwei Wochen zeigen.

„Die Freude überwiegt“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel glanzlos, aber sie wird ihren Anteil schon noch herauszustreichen versuchen. Einfacher ist es für die SPD. War es nicht Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, Erfinder der Abwrackprämie, der an der Seite der Gewerkschaft eisern für den Magna-Deal trommelte? Wackelte die Union nicht merklich? Hätte nicht Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg fast die Insolvenz herbeigeredet?

So oder so zeigt sich in dem angekündigten Deal das neue Primat der Politik. In der Wirtschaftskrise greifen Staaten in aller Welt Unternehmen mit unvorstellbaren Summen unter die Arme. Allein bei GM hat der amerikanische Staat schon 50 Milliarden Dollar aufgebracht. Für Opel haben Bund und Länder bisher 1,5 Milliarden Euro fließen lassen, nochmal die doppelte Summe steht ohne besondere Bedingungen bereit. Das Ende muss das nicht sein. Zwar pocht die Bundesregierung darauf, dass keine neuen Zugeständnisse gemacht wurden, aber das kann sich ändern, falls es bald wieder Spitz auf Knopf stehen sollte.

Erpressbar macht sich der Staat also, aber das viele Geld zeigt auch Wirkung. Bei Opel sah es lange nach einer Niederlage für die Politik aus. Monatelang hatten Bund, Länder und Gewerkschaften sich für das Magna-Konsortium eingesetzt, doch GM brachte erst einen anderen Bieter in Stellung und erwog dann, die deutsche Tochter doch ganz zu behalten. Detroit lenkte schließlich ein: Man behält ja schließlich gut ein Drittel von Opel und will es sich nicht mit den Kunden in ganz Europa und Russland verscherzen. Auch hätte GM Mühe, die Sanierung aus eigener Kraft zu stemmen.

Die Politik hat fürs Erste gewonnen, GM hat gewonnen, aber ob die Opelaner gewinnen, ist mehr als offen. Auch das Magna-Konzept, für das alle so gekämpft haben, wird ohne massiven Stellenabbau nicht auskommen. Jetzt soll nur Antwerpen geschlossen werden, aber wie lange die deutschen Werke sicher sind, weiß niemand. Fast jeden fünften der europaweit 55 000 Jobs will Magna abbauen. Schuld sind die Überkapazitäten der Branche und die hohen Kosten bei Opel.

Die unternehmerische Perspektive bleibt schwierig. Opel, seit 80 Jahren in amerikanischer Hand, sucht den technologischen Anschluss. Das muss unter Führung einer russischen Bank und eines kanadischen Zulieferers nicht besser werden. Zu befürchten ist sogar eine Entwicklung wie bei der Siemens-Handysparte, die an BenQ ging. Die Insolvenz kam am Ende doch noch, die Technologie wurde nach Taiwan exportiert. Man darf Magna und der Sberbank beste Absichten unterstellen – aber niemand kann Opel schützen, wenn irgendwann Werke ab- und woanders wieder aufgebaut werden.

Dabei geht es nicht um Feindbilder aus dem Kalten Krieg, sondern um vergleichsweise einfache Rechnungen. Magna und die Sberbank wollen mit der Übernahme der Opel-Mehrheit Geld verdienen. Die vergangenen Jahrzehnte belegen, wie schwer das ist – GM jedenfalls hat es nur phasenweise geschafft. Um Opel als einen Anbieter grüner Autos zu etablieren, sind massive Investitionen nötig. Um Opel als einen Hersteller von Billigwagen für Schwellenländer zu positionieren, sind die deutschen Standorte zu teuer. In diesem Dilemma stecken die Opelaner, und der gestrige Tag hat ihnen allenfalls eine Atempause geschenkt.

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