Meinung : Optische Täuschung

Die Gewerkschaften geben sich streitlustig wie selten – mächtiger sind sie nicht geworden

Ursula Weidenfeld

Verdi-Chef Frank Bsirske brauchte eine Weile, bis er sich in die schmale Streikschürze seiner Gewerkschaft gezwängt hatte. Es schien, als sei der Mann längst aus dem Gewand des Klassenkampfes herausgewachsen, als er die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Baden-Württemberg zum Arbeitskampf aufrief, der nun am Montag beginnt.

In gewisser Weise ist es auch so. Derzeit erscheinen die Gewerkschaften kampflustig und selbstbewusst wie lange nicht. Vorzugsweise in den Ländern, in denen im März Landtagswahlen abgehalten werden, will Verdi sich gegen die von den Arbeitgebern verlangte Arbeitszeitverlängerung zur Wehr setzen. Die beiden anderen Großorganisationen der Arbeitnehmer, IG BCE und IG Metall, protestieren mit großer öffentlicher Unterstützung gegen Arbeitsplatzverlagerungen aus Nürnberg und Hannover. Und die IG Metall spürt zudem noch Rückenwind durch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), der die Binnenkonjunktur mittels deutlicher Lohnsteigerungen angekurbelt sehen will. Besser haben die Gewerkschaften lange nicht ausgesehen.

Doch das tatsächliche und das politische Gewicht von Organisationen laufen gelegentlich auseinander. Sie erscheinen größer und wichtiger, weil sich das Umfeld geändert hat – weil man sie gerne größer und wichtiger hätte. Zeiten, in denen es keine schlagkräftige parlamentarische Opposition gibt, sind gut für solche optischen Täuschungen. Zeiten, in denen das strategische Interesse an bestimmten Gruppen zunimmt, auch: Seitdem die Gewerkschaften mit der Linkspartei kokettieren, müssen sich die Sozialdemokraten von Zeit zu Zeit zu Freundschafts- und Ergebenheitsadressen hinreißen lassen.

Gefährlich wird es, wenn man die tatsächliche Macht der Gewerkschaften und ihre scheinbare Größe miteinander verwechselt. Denn die faktische Kampfkraft, der innere Zusammenhalt und die eigene Machtbasis der Gewerkschaften sind keineswegs gewachsen, im Gegenteil. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in Deutschland zum ersten Mal in ihrer Nachkriegsgeschichte unter sieben Millionen gesunken. Ein großer Teil der Mitglieder sind überdies Rentner, die zu Arbeitskämpfen nicht mehr viel beitragen können. Nur noch jeder fünfte aktive Beschäftigte ist Mitglied einer Gewerkschaft. Im öffentlichen Dienst sind diese Relationen eher noch ungünstiger, denn dort gibt es noch die Beschäftigtengruppe der Beamten.

Dass die Arbeitnehmer dennoch jetzt die Kraftprobe wegen 18 Minuten Mehrarbeit am Tag wagen, ist der Versuch, den Moment des politischen Gewichts fürs Kerngeschäft auszuborgen: Weil Frank Bsirske weiß, dass spätestens nach zwei Streikwochen bei Müllabfuhr, Kindergärten und Flughafenfeuerwehren der Einigungsdruck für Politiker im Wahlkampf unerträglich wird, probt er den Aufstand. Auch wenn die Streikschürze nicht nur dem Vorsitzenden kaum noch passen will.

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