Meinung : Orange hat die Wahl

Die Revolution war nur ein Anfang: Die ukrainische Demokratie braucht Europa

Christoph von Marschall

Eine überraschende Erfahrung für etablierte Demokraten: Wahlen teilen nicht nur alle paar Jahre Regierungsmacht auf Zeit zu, sie können Weltbilder verändern. Der Raum zwischen Polen und Russland, bis vor kurzem für die meisten in Westeuropa eine graue Masse, hat plötzlich ein Gesicht. Mit ihrer orangenen Revolution hat sich die Ukraine fest in die Landkarte Europas eingetragen. Das ist ein bewundernswerter Sieg unbeugsamer Demonstranten, ein Sieg der Bürgergesellschaft. Doch er allein bringt noch nicht die Wende. Er ist eine Chance, die genutzt werden will.

Viktor, „der Sieger“, Juschtschenko steht vor einer kaum lösbaren Aufgabe. Der Osten hat zwar nicht mehr wie in der ersten, der gefälschten Stichwahl zu über 90 – und in einzelnen Orten zu über 100 Prozent – für Viktor Janukowitsch, den Kandidaten der Diktatur, gestimmt, aber immer noch zu rund 80 Prozent. Das Land ist weiter politisch gespalten, auch wenn das zum Teil Folge einer Verleumdungskampagne im Osten gegen die Orangenen ist.

Der neue Präsident wird mit einem skeptischen Apparat arbeiten müssen: den alten Kadern in den Ministerien und Provinzverwaltungen. Selbst wenn er das Personal austauschen wollte – was nicht klug wäre, er muss auch diese Menschen für die neue Ukraine gewinnen – es gäbe gar nicht genug Gegeneliten. Viele Bürger haben unerfüllbare Hoffnungen auf eine rasche Besserung ihres Alltags. Und wie viel Kraft hat Juschtschenkos dioxinvergifteter Körper noch für diese Herkulesaufgabe? Die neuen Rechte aber, die die Demokratiebewegung erkämpft hat, machen sich auch deren Gegner zunutze, wie die Drohung des Janukowitsch-Lagers zeigt, nun seinerseits Protest gegen eine angeblich irreguläre Wahl einzulegen.

Die überschäumende Begeisterung, mit der die Orangenen ihren Sieg feiern, wird also dringend gebraucht: als Treibstoff, um die versprochenen Reformen furchtlos anzugehen und den Wandel zu verstetigen. Und doch muss Juschtschenko auch da Maß halten, darf nicht den radikalen Westler geben – was freilich den bedenklichen Preis fragwürdiger Kompromisse und einer Verlangsamung des Wandels haben kann. Er ist klug genug, um zu wissen, dass er jetzt vor allem den Ausgleich mit Moskau suchen muss, trotz Wladimir Putins feindseligem Auftreten im Wahlkampf. Weil die Ukraine vom Öl und Gas des großen Nachbarn abhängt, weil die wirtschaftliche Verflechtung ihm keine andere Wahl lässt – und weil er die Menschen in der Ukraine beruhigen muss, die Russisch sprechen und sich traditionell nach Osten orientieren.

Andererseits wird das ukrainische Erdbeben noch unabsehbare Folgen für den Großraum GUS haben. Wo auch immer demnächst gewählt wird zwischen Russland, Kasachstan und den zentralasiatischen Republiken, blicken Machthaber und Bürger ungläubig nach Kiew: Wahlen sind nicht mehr nur eine kleine Formalität mit lenkbarem Ausgang.

Die Ukraine wird jetzt ein europäisches Land, hat Juschtschenko seinen Anhängern bei der großen Kundgebung auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew nach der Wahl versprochen. Dafür braucht er auch die Unterstützung Europas. Nicht gleich das Versprechen eines absehbaren EU-Beitritts – das kann man getrost der Zeit überlassen und von den tatsächlichen Fortschritten abhängig machen.

Aber die Zusage, die Reformen mit Rat und Tat zu unterstützen, wozu auch Geld gehört – und der anspornende Besuch des Außenministers oder gar des Kanzlers. Vor allem kann der Westen, auch Deutschland, jetzt in ukrainische Köpfe investieren. Hundert Praktika im Bundestag für Angestellte des Parlaments in Kiew, tausend Praktika für Angehörige der Ministerien, Zehntausend für den Nachwuchs der Privatwirtschaft – das wäre die beste Hilfe, um die Wende in der Ukraine unumkehrbar zu machen.

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