Oscar Pistorius : So weit die Prothesen tragen

Oskar Pistorius durfte bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft der Nichtbehinderten antreten – und dass völlig zu Recht.

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Oskar Pistorius fehlen beide Unterschenkel, schon in seinem ersten Lebensjahr wurden sie amputiert. Das hat den Südafrikaner nicht daran gehindert, einer der besten Mittelstreckensprinter zu werden. In seiner Klasse, bei den paralympischen Athleten, ist Pistorius auf seinen Prothesen der schnellste Mann der Welt.

Das hat Pistorius nicht gereicht, seit Jahren kämpfte er darum, bei den nicht behinderten Athleten antreten zu dürfen. Diesen Kampf gewann er, bei den Leichtathletikweltmeisterschaften in Südkorea ist er über 400 Meter gestartet – als erster behinderter Athlet bei einer WM der Nichtbehinderten.

Bringt die Behinderung am Ende sogar einen Vorteil? Da lag die Krux. Jahrelang wurde darüber diskutiert, ob die Carbon-Prothesen Oskar Pistorius sogar schneller machen. 2008 noch kamen Gutachter zu diesem Ergebnis, in einem zweiten Gutachten sah es nun anders aus. Zwar gäbe es auf der geraden Strecke Vorteile, dafür aber am Start und in den Kurven Nachteile durch niedrige Beschleunigungsmöglichkeiten.

Diese Diskussion um Gerechtigkeit ist so alt wie der Sport selbst. Und sie ist müßig. Es treten im Sport immer Ungleiche gegen Ungleiche an. Mögen in der Leichtathletik – anders als etwa im Motorsport – auch bei nicht behinderten Sportlern die Chancen gering sein, sich durch Material technische Vorteile zu verschaffen, so sind die Menschen schon von ihrer Konstitution her nicht gleich. Trotzdem messen sie sich in Wettkämpfen, auch das ist ein Reiz.

Allerdings werden aufgrund der verschiedenen Konstitution der Menschen in vielen Sportarten verschiedene Klassen geschaffen. Männer und Frauen bleiben meist unter sich, und kein Fliegengewichtler würde im Boxen freiwillig gegen ein Superschwergewicht antreten. Insofern ließe sich leicht sagen, einer wie Oskar Pistorius habe bei einer WM der Nichtbehinderten nichts zu suchen. Das aber ist falsch. Wenn davon ausgegangen wird, dass die Prothesen keinen Vorteil verschaffen, dann darf Pistorius starten.

Es ist egal, ob jetzt irgendwelche Menschen fürchten, dass künftig auch andere Menschen mit Behinderung und anderen Prothesen antreten wollen. Oder – die Fälle gab es ja schon – Menschen nach Geschlechtsumwandlung die Startklasse wechseln. Wer sich innerhalb der Regeln bewegt, darf starten. Pistorius hat keinen Kampf für behinderte Menschen gewonnen, auch wenn er ihnen vielleicht Mut macht. Pistorius ist bei der WM in Südkorea innerhalb der Regeln gelaufen. Nicht mehr allerdings: Der Südafrikaner wurde Letzter in seinem Halbfinallauf, insofern hat seine Teilnahme die Elite der 400-Meter-Läufer nicht berührt.

Somit wurde die vielleicht interessanteste Frage bei der WM in Südkorea nicht beantwortet. Mitlaufen darf Oskar Pistorius, aber darf er auch siegen? Diese Frage wird frühestens 2012 bei den Olympischen Spielen in London beantwortet. Denn da wird Oskar Pistorius wieder starten – wenn er denn darf.

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