Ostmitteleuropa : Die Rückkehr der Gespenster

Ungarn macht den Anfang: In Ostmitteleuropa zieht nationale Empfindsamkeit ein.

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Die Konferenz fand Ende der achtziger Jahre statt, der Ostblock war schon in Bewegung, das Thema Mitteleuropa stand auf der Tagesordnung - und die Deutschen glaubten nicht recht gehört zu haben. Denn die ungarischen Teilnehmer, die sich damals schon sehr freimütig äußerten, warfen den Namen „Trianon“ ins Gespräch. Trianon? Das ist das französische Schlösschen, in dem Ungarn am Ende des Ersten Weltkriegs den Vertrag abschließen musste, mit dem es zwei Drittel seines Territoriums und zwei Millionen seiner Bürger verlor. Trianon war für Ungarn etwa das, was für Deutschland Versailles war: eine Katastrophe, der „Schandvertrag“. Nur dass für Deutschland Versailles längst Geschichte geworden ist, Trianon für Ungarn aber – wie wir staunend lernten – ziemlich lebendig.

Zwanzig Jahre später ist die Situation nicht viel anders. Kaum ins Amt gelangt, hat die Regierung Victor Orban das ungarische Staatsangehörigkeitsrecht verändert. Künftig können die Ungarn, die jenseits der Grenzen des Landes leben – als Bürger der Slowakei, Rumäniens oder Serbiens – die ungarische Staatsangehörigkeit beantragen. Und am Anfang der Woche hat das Parlament mit der absoluten Mehrheit, über die Orbans Partei nach den Wahlen Anfang März verfügt, den 4. Juni zum „Tag der nationalen Einheit“ erklärt. Es ist der Tag, an dem vor neunzig Jahren der Vertrag von Trianon geschlossen wurde. An ihm sollen künftig „alle Landsleute in der Region an die große Tragödie Ungarns im 20. Jahrhundert“ erinnert werden.

Das alles sind vor allem symbolische Schritte, aber das macht sie nicht weniger problematisch. Denn sie zeigen, dass das alte Trauma im Land noch so virulent ist, dass die konservative Regierung nicht davor zurückschreckt, sich seinetwegen mit ihren Nachbarn anzulegen. Zumindest die Slowakei, in der eine halbe Million Ungarn in einem fast geschlossenen Siedlungsgebiet leben, hat heftig darauf reagiert und – selbst im Wahlkampf begriffen – mit der Gegenmaßnahme der Aberkennung ihrer Staatsangehörigkeit für jene gedroht, die sich auf diese Weise zu Ungarn bekennen.

Gewiss tut die ungarische Regierung alles, um zumindest die Staatsangehörigkeitsfrage herunterzuspielen. Man mag auch ein gewisses Verständnis dafür haben, dass sie – ein altes politisches Muster – in einer miserablen wirtschaftlichen Lage emotionale Themen besetzt. Aber man darf nicht übersehen, dass diese Themen viele Ungarn tatsächlich bewegen. Dass eine uralte Geschichte eine wichtige Rolle spielt und auch von der äußersten Rechten skrupellos instrumentalisiert wird, ist ein Zeichen dafür, dass es bislang nicht gelungen ist, den Komplex, für den Trianon steht, aufzuarbeiten – politisch und seelisch. In der kommunistischen Ära wurde es vom Dogma sozialistischer Brüderlichkeit verdrängt. Nun ist es wieder da und wird zum Problem.

Westeuropa, das seine streitträchtige Vergangenheit bis auf ein paar Empfindlichkeiten hinter sich gebracht hat, steht mit gemischten Gefühlen vor dieser Wiederkehr der Gespenster aus dem alten Europa des Misstrauens und der Gegnerschaften: nationale Empfindlichkeiten, Minderheitenprobleme, Widersprüche zwischen politischem Ansprüchen und der Realität. Und muss registrieren, dass das EU-Mitglied Ungarn, das im nächsten Jahr die Präsidentschaft übernehmen wird, die Konfrontation mit Nachbarn in Kauf nimmt, die im Falle der Slowakei und Rumäniens ebenfalls zur EU gehören.

Noch immer ist die Region offenbar dabei, sich politisch zu formieren – mit ungewissem Ausgang. Was das angeht, so wirkten die ungarischen Parlamentswahlen im April als Alarmsignal – mit dem Kantersieg der nationalkonservativen Fidesz und dem Erfolg von „Jobbik“, der bösartigen Wucherung einer verunsicherten Gesellschaft. Bei den tschechischen Wahlen im Mai hat das enervierende Gerangel immerhin zu einem Bündnis pragmatischer, bürgerlicher Parteien geführt, nicht zuletzt dank der Parteineugründung des früheren Außenministers Karel Schwarzenberg. Bei der bevorstehendfen Parlamentswahl in der Slowakei steht dagegen eine linksnationalistische Regierung auf dem Prüfstand. Und bei der Präsidentenwahl in Polen am 20. Juni wird sich entscheiden, ob die in den letzten Parlamentswahlen vollzogene Abwendung vom Kurs der Kaczynskis Bestand haben wird.

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