Meinung : Outing: Ist das wirklich gut so?

Viele Menschen werden sich heute selbst outen. Als lesbisch oder schwul, als tolerant, als Freunde von Homosexuellen, als neugierig. Beim Christopher-Street-Day quer durch die Berliner Innenstadt wird wieder sichtbar, was sichtbar zu machen in Deutschland kein Problem mehr sein sollte. In Deutschland? In Berlin. Für alle? Mehrheitlich für Städter. Mehrheitlich für Gebildete. Und für Politiker?

Sollen schwule Politiker massenwirksam verkünden, dass sie schwul sind? Befürworter wie Gegner dieses Postulats können sich auf liberale Grundsätze berufen. Da gibt es einen Liberalismus, der sagt, der persönliche Lebensstil müsse privat bleiben - oder dies zumindest bleiben können. Der Einzelne und nur er habe zu entscheiden. Selbstouting-Befürworter zitieren einen optimistischeren Liberalismus, der Toleranz an Sichtbarkeit koppelt und Bekennermut verlangt. Nur wo die einen bekennen, können andere ihre Offenheit beweisen.

Schwule Identität sei schließlich nicht auf das Schlafzimmer beschränkt, meint der Publizist Elmar Kraushaar. Nur ist eben die Identität von Homosexuellen auch nicht auf ihre Homosexualität begrenzt. Und im Betrieb oder im Parlament darf der Schwule halt auch Stoiber-Fan oder Öko-Freak sein, ohne dies aus seinen Liebes-Präferenzen ableiten zu müssen oder umgekehrt wegen mangelnder schwulenpolitischer Korrektheit bekrittelt zu werden.

Die Öffentlichkeit sieht sich die Transvestiten, die Normalo-Homos und die Wowereits an und stellt fest, dass sie hin und her gerissen ist zwischen zwei Empfindungen. Die erste stützt den Privat-Liberalismus und besagt: Erspart uns jeden Exhibitionismus, Ihr habt doch weitgehend die Normalität, die Ihr einklagt! Wie wollt Ihr Gleichberechtigung predigen, wenn Ihr eben jene Privatsphäre freiwillig aufgebt, die Heteros auch für Euch verteidigen? Die zweite Fraktion, dem Kollektiv-Liberalismus verpflichtet, klatscht Beifall. Aufrechter Gang, ist das etwa kein Leitbild? Hat die Öffentlichkeit keinen Anspruch auf Transparenz, wenn es nicht um Schlaf-, sondern Hinterzimmer geht, also um jene Klüngel, in denen auch Schwule Politik entwerfen?

Zu Wowereit-Euphorie besteht kein Anlass. Ganz weit oben hat Rot-Grün beschlossen, dass gleichgeschlechtliche Paare ihrer Verpflichtung zueinander einen rechtlichen Rahmen geben dürfen. Das ist gut so. Unten, in Schulen, Familien und Betrieben, ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Mobbing, Enterbung, des Hauses verwiesene Teenager: Auch das ist Realität. Da kann ein offen schwuler Politiker in der Tat Vorbild sein: Es gibt keine Schweigepflicht.

Dass "nur" im privaten Umfeld offen homosexuelle Politiker aller Parteien problemlos ihre Arbeit machen können, ist ebenso bedeutsam. Es gibt keinen Bekenntniszwang. Denn eines wäre gefährlich: Dass Sexualität für alle Privatsache bleibt, nur für Schwule nicht, dass eine Kultur der Denunziation entsteht. Wünschenswert wäre ein Klima, in dem Wowereit seinen Schritt nicht mit drohenden Veröffentlichungen und deren Vorwegnahme begründen muss - oder dies vorschiebt. Nichts spricht gegen eine freie Entscheidung von Politikern, einen Kernteil ihrer Identität offen zu leben und damit jene Unverkrampftheit einzufordern und vorzumachen, die sie sonst so gern zum Ziel erklären.

Es dürfte die Republik nicht erstaunen, dass der Umgang mit Homosexualität schwierig bleibt. Wie weit wir schon gekommen sind? Der häufigste Vorwurf gegen Schwule lautet nicht mehr, dass sie schwul seien. Sondern dass sie dauernd darüber redeten. Ausnahmsweise sind Politiker also recht ruhig.

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