Meinung : Pädagogenmangel: Immer leerer

Susanne Vieth-Entus

Der Profi-Fußball gehört zu den dynamischsten Märkten überhaupt. Dennoch gilt es selbst da als unfein, wenn ein Verein mitten in der laufenden Saison einem anderen die Topspieler wegkauft. Dass ähnliche Sitten nun auf einem der altmodischsrten Arbeitsmärkten Einzug halten, überrascht. Auf den ersten Blick. In Hessen steht die Einhaltung eines Wahlversprechens auf dem Spiel. Und schon wird ein ungeschriebenes Gesetz des föderalen Miteinanders verletzt: Mit seiner aggressiven Abwerbung von Lehrern mitten im Schuljahr hat die Wiesbadener Regierung ein Signal für ungeschminkten Länderegoismus ausgesendet.

Gewiss können einem jetzt die Schüler in der Prignitz oder Cottbus Leid tun, deren Pädagogen mit vollen Stellen, sofortiger Verbeamtung und besserem Gehalt weggelockt werden. Die Kinder bleiben zurück mit den älteren oder unflexibleren Lehrern, die keine Mangelfächer unterrichten. Da können sie dann zusehen, wie sie ihre Englisch- oder Informatikkenntnisse erwerben.

Wenig Mitleid verdienen hingegen die jetzt im Schmollwinkel sitzenden Bundesländer. Die meisten von ihnen waren kurzsichtig genug, unter dem Eindruck knapper Kassen jahrelang nicht genug junge Lehrer einzustellen. Die Mahnung der Gewerkschaften, dass damit Lehrermangel programmiert würde, schlugen sie in den Wind oder verwiesen auf den Schülerrückgang.

Dabei gab es - etwa in Berlin - schon lange Zeit Modellrechnungen, die den Mangel klar prognostizierten, da der Schülerrückgang weniger dramatisch ausfällt als die Pensionierungswelle. Es gehörte auch nicht viel Fantasie dazu sich vorzustellen, dass die vielen Lehrer, die in den siebziger Jahren eingestellt worden waren, um die geburtenstarken Jahrgänge zu unterrichten, bald nach der Jahrtausendwende ins Pensionsalter kommen würden. Zudem wurde der absehbare Mangel etwa im Berufsschulbereich zum Teil selbst verschuldet, weil jahrelang in diesem Bereich nur Teilzeitstellen und Verbeamtungen zum Sanktnimmerleinstag angeboten wurden.

Man sollte den Hessen dankbar sein, dass sie mit ihrem frechen Vorstoß die Länder aufgerüttelt haben. Es ist nicht zu spät, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Und zwar nicht in Form von Drohungen Richtung Wiesbaden, sondern durch mehr Vorsorge. Jetzt müssen Lehrer zu Fortbildungen in den Mangelfächern motiviert werden, indem man sie zeitweise vom Unterricht freistellt. Auch Akademiker anderer Berufe könnten umgeschult werden. Recht hat Berlins GEW-Chef Ulrich Thöne, wenn er zudem den Kultursenator auffordert, an die Universitäten heranzutreten: Sie müssen stärker verpflichtet werden, Kapazitäten für die Lehramtsausbildung zur Verfügung zu stellen. Auch Thönes Aufruf, jetzt arbeitslose Lehrer einzustellen, ist berechtigt.

Es gibt also - noch - eine Menge Möglichkeiten, den Mangel zu mildern. Der Berliner Senat, aber auch alle anderen Landesregierungen, die jetzt jammern, wären gut beraten, entsprechende Schritte zu unternehmen. Dies wird aber nicht in jedem Fall ausreichen. Denn es gibt viel dramatischere Ausgangspositionen als die Berlins, das immerhin als Stadt attraktiv genug ist, um junge Lehrer zu halten oder anzuziehen.

Da sind die kleinen Kommunen in den neuen Ländern, die weder ein hohes Gehalt noch eine spannende Umgebung bieten können. Wenn Hessens Beispiel Schule macht, wird bald eine gigantische Ost-West-Lehrerwanderung beginnen. Auf Kosten der ostdeutschen Schüler.

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