Pädophilie-Debatte : Unter dem Deckmantel der Freiheit

Immer mehr Organisationen gestehen, dass sie von Pädophilen unterwandert waren, neben den Grünen auch "Pro Familia" und der Kinderschutzbund. Freiwillig geschieht das allerdings nie.

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Kaputte Kindheit: In den 70er Jahren stellten Soziologen in Frage, dass Pädophile Kindern schaden. Es dauerte erschreckend lange, bis darüber wissenschaftlich Konsens herrschte.
Kaputte Kindheit: In den 70er Jahren stellten Soziologen in Frage, dass Pädophile Kindern schaden. Es dauerte erschreckend lange,...Foto: picture alliance

Es ist erschreckend, was jetzt alles in den Archiven auftaucht. Nicht nur die Grünen waren in den 70er Jahren offen für Forderungen der Pädophilenbewegung, Sex mit Kindern zu legalisieren. Anfällig dafür waren auch Vertreter anderer Parteien, ein Teil der Medien, selbst der Kinderschutzbund und die Beratungsorganisation Pro Familia boten dieser Lobby Raum. Aus heutiger Sicht ist das unverständlich. Liest man Dokumente von damals – seien es wissenschaftliche Aufsätze, Wahlprogramme oder Zeitungsartikel –, fragt man sich: Wo blieb der Aufschrei?

Es war eine Zeit, in der anerkannte Wissenschaftler, Stars ihrer Disziplin, eine Trennlinie zogen zwischen Kindesmissbrauch und angeblich einvernehmlichem und gewaltfreiem Sex zwischen Erwachsenen und Kindern. So wie der Soziologe Rüdiger Lautmann, der davon sprach, wie „außerordentlich vorsichtig“ manche Pädophile mit Kindern umgingen. Eine Schädigung der Kinder sei „sehr fraglich“, argumentierte er. Lautmann begründete solche Thesen mit einer Studie, für die er pädophile Männer befragte.

Das Perfide: Die Pädophilen gaben sich als Anwälte der Freiheit der Kinder aus

Diese Perspektive ist typisch für die damalige Zeit: Im Mittelpunkt standen die Täter, nicht die Opfer. Es dauerte lange, bis es – auch unterfüttert durch Langzeitstudien – einen Konsens darüber gab, welchen Schaden sexueller Missbrauch bei Kindern anrichtet. Das Perfide ist, dass Befürworter von Pädophilie vorgaben, die Interessen der Kinder zu vertreten. Es gehe doch schließlich um deren Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, argumentierten sie. Dabei hat die Feministin und „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer schon damals ausgesprochen, worum es eigentlich ging: um ein vermeintliches Recht Erwachsener auf Sex mit Kindern.

In bestimmten liberalen Kreisen wurden solche Thesen salonfähig. Schaut man sich heute an, wer damals die Akteure waren, blickt man auf ein Netzwerk von Wissenschaftlern und Intellektuellen, die Sex mit Kindern verharmlost oder gar befürwortet haben. Sie griffen mehr oder weniger deutlich die Forderung nach der Straffreiheit von Pädophilie auf, die Organisationen wie die Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie oder später die Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität erhoben. Sie waren in den Kuratorien dieser Lobbygruppen vertreten und publizierten ihre Ansichten in Medien und Verbandszeitschriften. Manche von ihnen auch dann noch, als die Grünen sich schon längst von solchen Positionen distanziert hatten.

Man versuchte, von der Forderung nach der Straffreiheit von Homosexualität zu profitieren

Dass die Pädophilenbewegung einen bestimmten liberalen Zeitgeist beeinflussen konnte, hat auch damit zu tun, dass sie ihre Forderungen geschickt mit dem Kampf gegen die Diskriminierung Homosexueller vermischte. Noch Mitte der 70er war Sex zwischen einem 19-jährigen und seinem 16-jährigen Freund illegal, Heterosexuellen im gleichen Alter hingegen waren sexuelle Kontakte erlaubt. Im Kampf gegen diese rechtliche Sonderstellung fanden in der Schwulenbewegung auch die Pädophilen Unterschlupf. Der Kampf gegen die staatliche Repression verband beide. Hinzu kamen die Lust am Tabubruch und eine falsch verstandene Toleranz. Eine Partei wie die Grünen wollte in ihren Gründungsjahren Sammelbecken für verschiedenste Strömungen sein.

Es ist überfällig, dass dieses Kapitel westdeutscher Geschichte aufgearbeitet wird. Die Grünen sind spät dran. Dafür machen sie sich jetzt gründlich an die Arbeit. Mindestens genauso wichtig wie der wissenschaftliche Bericht wird die Befragung von Zeitzeugen sein. Sie sind in der Pflicht, zu erklären, was heute nicht mehr nachvollziebar ist: Warum konnten inakzeptable Positionen mehrheitsfähig werden? Warum wurde keiner stutzig, obwohl es doch Widerspruch gab, nicht zuletzt von Alice Schwarzer?

Auch der Kinderschutzbund, Pro Familia und Medien wie die „taz“ und die „Zeit“ setzen sich jetzt selbstkritisch mit ihrer Vergangenheit auseinander. Es gibt andere, die sich daran ein Beispiel nehmen sollten. Die Aufarbeitung beginnt leider immer erst dann, wenn es kritische Veröffentlichungen gab. Es wäre gut, wenn endlich mal jemand von sich aus in die Öffentlichkeit gehen würde.

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