Meinung : Pakistan: Heiße Reden, kühl kalkuliert

Christoph von Marschall

Der Aufschrei kam prompt: Kurz nach den Luftangriffen auf Afghanistan gingen im Nachbarland Pakistan Tausende Islamisten auf die Straßen. In der Nacht folgten Meldungen über Umbesetzungen im Generalstab. Am Morgen danach ging Staatschef Pervez Musharraf in seiner Ansprache auf Distanz zu Amerika. Er rechtfertigte die Militäroperation, unterstrich aber, dass Pakistan sich nicht daran beteiligt habe. Er warnte, daraus dürfe kein Krieg gegen Afghanistan werden. Und keinesfalls sei hinnehmbar, dass die afghanische Nordallianz an Stelle der Taliban regiere; der Westen müsse sie von Aufbauhilfe ausschließen.

Sind das Vorboten, dass Pakistan, ein Stützpfeiler der Koalition gegen den Terror, zum ersten Opfer des Krieges wird? Weil das Volk den Kurs der Machthaber, sich an die Seite der USA gegen die Muslime in Afghanistan zu stellen, nicht mitmacht. Oder weil ein Putsch aus islamistisch infizierten Kreisen des Offizierskorps droht?

Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
7.10., 18.45 Uhr: Wie der Gegenschlag begann
Hintergrund: US-Streitkräfte und Verbündete
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags
Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Für solche Dramatisierungen besteht kein Anlass. Die Protestzüge mit den martialischen Spruchbändern ("Afghanistan wird zum Grab der USA") und den brennenden Amerika-Puppen mögen im Fernsehen bedrohlich wirken. Aber was sind ein paar Tausend Demonstranten in einem Land mit 130 Millionen Einwohnern? Und in dem mehr als eine Million Flüchtlinge aus Afghanistan leben, die Luftangriffe auf ihre Heimat gewiss mit gemischten Gefühlen sehen, selbst wenn sie erbitterte Gegner der Taliban sind.

Es ist wohl eher so, dass Staatschef Pervez Musharraf rhetorisch ein bisschen wackelt, um das Risiko zu minimieren, dass er politisch wankt. Deshalb: offiziell keine Waffenbrüderschaft mit den Amerikanern gegen die Glaubensbrüder im Nachbarland. Warum soll er die Islamisten unnötig provozieren, deren Anteil Optimisten auf zehn Prozent und Pessimisten auf 30 Prozent schätzen - was immerhin 13 bis 40 Millionen Menschen entspricht. Tatsächlich unterstützt Pakistan die USA und hat ihnen auch Flugplätze zur Verfügung gestellt.

Zugleich erneuert Musharraf seine machtpolitischen Forderungen. Pakistan hat die Taliban in Afghanistan an die Regierung gebracht und seine Hand über sie gehalten. Die Nordallianz dagegen, die die Vereinten Nationen und fast alle Staaten als rechtmäßige Regierung Afghanistans anerkennen, wird von Pakistans regionalen Rivalen unterstützt: von Iran und Russland.

Da liegt das eigentliche Problem. Der Konsens der "weltweiten Allianz" gegen den Terror ist eng begrenzt: Er umfasst nur den direkten Kampf gegen die Urheber der Anschläge in New York, gegen bin Laden und sein Netzwerk. Bereits bei der Frage, ob der Sturz der Taliban, die ihm und seinen Helfern jahrelang Zuflucht boten, zu den Kriegszielen gehört, scheiden sich die Geister. Und das Ende der Gemeinsamkeit ist vollends erreicht, wenn es um die Zukunft Afghanistan geht.

Jedes Nachbarland hat "seine" Schützlinge in dem ethnisch und religiös zerrissenen Afghanistan und möchte sich über sie Einfluss sichern: Pakistan stellt sich hinter die Paschtunen, das größte Volk (an die 40 Prozent); Iran hinter die schiitischen Hazara (annähernd 20 Prozent) und die sunnitischen, aber den Persern kulturell verwandten Tadschiken (fast 30 Prozent); und Russland hinter Usbeken und Tadschiken in der Nordallianz. Sie alle bekriegen sich seit Jahrzehnten, zu den Machtrivalitäten kommen die Rachegefühle wegen der ungezählten politischen Morde und Attentate.

Und doch muss Amerika diese Koalition wenigstens eine Zeit lang moderierend zusammenhalten - was auf Dauer eine unlösbare Aufgabe ist. Man muss sich ernsthaft Sorgen machen um die Stabilität der gesamten Region. Sie ist aber nicht Folge des amerikanischen Gegenschlags - wie es wohl schon bald vorwurfsvoll heißen wird. Die Intervention macht nur sichbar, was wir aus der Ferne bisher gerne ignoriert haben.

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