Pakistan : Unser neuer Krieg

Die Welt erlebt einen Kriegsausbruch, aber die Dramatik erreicht nicht alle Betroffenen gleichermaßen. Die neue Front liegt in Pakistan, fern von Deutschland. Was sich dort abspielt, wird enorme Folgen für die Sicherheit der Deutschen und für die deutsche Außenpolitik haben. Ein Kommentar von Christoph von Marschall .

Christoph von Marschall

Das Schicksal des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan hängt ganz direkt ab von der Entwicklung im Nachbarland Pakistan. Von dort kommen die Täter, die Anschläge auf westliche Soldaten in Afghanistan verüben. Die Bundesregierung könnte sich zudem schon bald in einer Kriegskoalition wiederfinden, deren Führungsmacht USA schleichend in Kämpfe hineingezogen wird, die Amerika eigentlich vermeiden möchte, wie einst in Vietnam. Und dann? Die Allianz aufkündigen oder halbherzig eine Politik verteidigen, die Deutsche innerlich ablehnen?

In den USA wird die Ausweitung des Schlachtfelds seit Wochen offen diskutiert und jetzt erst recht während der Besuche der Präsidenten Pakistans und Afghanistans. Amerikaner sehen die Lage in einem neuen Licht. Der offizielle Krieg gegen die Urheber des Terrorangriffs vom 11. September 2001 wird zwar in Afghanistan geführt. Aber das Kernproblem heißt heute Pakistan. Solange die Taliban sichere Rückzugsgebiete in Pakistan finden, kann der Afghanistaneinsatz nicht enden. Pakistan ist für die USA indes nicht nur der Hebel, an dem sich Sieg oder Niederlage in Afghanistan entscheiden. Es geht auch die Angst um, muslimische Extremisten könnten an Pakistans Atomwaffen gelangen.

Den Kampf gegen die Islamisten müssten eigentlich Pakistan und Afghanistan selbst führen. Doch den Regierungen dort fehlen der Wille und die Fähigkeit, das zu tun. Afghanistans Präsident Hamid Karsai kontrolliert nur einen Teil des Landes. Der Aufbau von Wirtschaft und Demokratie hat kaum Fortschritte gemacht. In Pakistan hat sich die Lage nach dem Wechsel vom Militärherrscher Musharraf zu einer gewählten Zivilregierung destabilisiert. Präsident Zardari, Witwer der ermordeten Wunschkandidatin Benazir Bhutto, gilt als korrupt und schwach. Viele in Regierung, Militär und Geheimdienst treiben ein Doppelspiel. Offiziell stehen sie an der Seite der USA. Heimlich stützen sie die Taliban, um Afghanistan zu kontrollieren, wenn Nato- und US-Truppen eines Tages abziehen. Das strategische Denken dreht sich um die Abwehr des Erzfeindes Indien.

Das stellt den Westen vor ein Dilemma. Es gibt nur schlechte Lösungen. Das eine Extrem wäre, den Krieg gegen die Islamisten in Pakistan, dem die Regierung Zardari ausweicht, selbst zu führen. Das möchte niemand, es gibt dafür auch kein UN-Mandat. Das andere Extrem wäre der Rückzug aus Afghanistan, ohne Al Qaida und die Taliban besiegt zu haben – in der Einsicht, dass der Kampf nicht zu gewinnen ist, solange Pakistan als Rückzugsraum dient. Auch das will niemand. Denn dann entstehen neue Ausbildungslager für Terroristen, die Anschläge in Amerika und Europa planen wie vor 9/11. Barack Obama verfolgt einen Mittelweg. Er übt Druck auf Zardari aus, knüpft Wirtschaftshilfe an Bedingungen, schickt Militärberater und Ausrüstung. US-Truppen verfolgen Talibankämpfer auch über die Grenze und attackieren Al-Qaida-Stützpunkte mit Drohnen. Deshalb fürchten manche, die USA gleiten in einen nicht erklärten Krieg.

Und Deutschland? Regierung und Parlament sind beim Thema Pakistan merkwürdig still. Es ist Zeit für eine ebenso offene Debatte wie in den USA.

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