Pakistan : Zwischen Kaserne und Moschee

Pakistan ist Atommacht, Präsident Musharraf gefährdet: Der General schätzt offenbar nicht mehr richtig ein, was die Bevölkerung noch zu akzeptieren bereit ist.

Ruth Ciesinger

Der Anfang vom Ende der Herrschaft des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf könnte einmal auf den 9. März datiert werden. An jenem Tag hatte der seit seinem Coup 1999 regierende General den obersten Richter des Landes abgesetzt. Vordergründig wegen Korruptionsvorwürfen, hintergründig wohl, weil er in Ifthikar Chaudhry einen ernsthaften Gegner seiner Wiederwahl vermutete. Im Herbst stehen Präsidenten- und Parlamentswahlen an, und dass Musharraf weder die Macht noch – wie seit Jahren angekündigt – seine Uniform abgeben will, wird kaum bezweifelt.

Doch der General schätzt offenbar nicht mehr richtig ein, was die Bevölkerung noch zu akzeptieren bereit ist. Die Proteste der Anwälte und Richter gegen Chaudhrys Absetzung waren so massiv wie unerwartet. Musharrafs Reaktion auf die Islamisten der Roten Moschee in Islamabad wiederum wirft die Frage auf, weshalb der Präsident nicht schon längst Stärke und Entschlossenheit gegenüber den Taliban-Freunden demonstriert hat.

Nur fällt das im Westen erst dann auf, wenn in Islamabad Panzerfahrzeuge vor einer Moschee aufziehen und das Flugzeug des Präsidenten beschossen wird. Gerade deshalb sollte sich niemand täuschen lassen: Die Islamisten sind gruselig, ohne Frage, doch sie sind weit von einer Übernahme des Landes und seiner Atomwaffen entfernt. Bei der Wahl 2002 gewannen die Fundamentalisten trotz des Krieges in Afghanistan, trotz der Unterstützung durch das Militär, trotz zu ihren Gunsten geschmiedeter Wahlrechte und Wahlfälschung nur elf Prozent der Stimmen. Und kaum ein Beobachter in oder außerhalb Pakistans sieht Anlass zur Vermutung, dass sich das geändert haben könnte.

Dagegen führte Musharraf bisher mit den islamistischen Parteien eine komfortable Koexistenz. Sie kanalisierten intern Proteste bestimmter Bevölkerungsgruppen, nach außen liefert ihm die aufgeblasene Bedrohung das notwendige Argument dafür, weshalb er weiter die Zügel fest in der Hand halten muss. Dabei kann er auch auf genügend Unterstützer in den USA und Europa zählen, die letztlich die Armee als einzigen zuverlässigen Garanten für Stabilität sehen.

Nun durchdringt die Armee in Pakistan Gesellschaft und Wirtschaft derart stark, dass in der Tat schwer vorstellbar ist, weshalb Oberste und Generäle überhaupt jemals bereit sein sollten, in die Kasernen zurückzukehren. Doch auch im Militär brodelt es inzwischen gegen Musharraf, und im Fall Chaudhry zeichnet sich weiterhin keine Lösung ab.

Für viele Pakistaner handelt der Westen schlicht verlogen, weil er Demokratie predigt, aber einen Alleinherrscher unterstützt. Deshalb wäre es besonders falsch, würden die Wahlen – für die allerdings immer noch kein konkreter Termin feststeht – jetzt als Wahl zwischen Stabilität und Demokratie gesehen. Denn Pakistan ist eben kein Palästinenserstaat oder Ägypten – man sollte hier ruhig etwas mehr Demokratie wagen.

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