Meinung : Pakt mit dem Teufel

Bush im Bund mit Pakistan – dafür sucht der Schurkenstaat nach Al Qaida

Malte Lehming

Neben den Worten „Angst“, „Kindergarten“, „Schadenfreude“ und „Autobahn“ ist auch der deutsche Ausdruck „Realpolitik“ unübersetzt ins Amerikanische übernommen worden. Realpolitik in ihrer reinsten Form meint den Pakt mit dem Teufel. Die kurzfristige Logik der Macht triumphiert über die Gebote der Moral. Ginge es gerecht zu, hätte die US-Regierung nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vor allem ein Land ins Visier nehmen müssen – Pakistan. In ihm vereint sich alles, was einen Schurkenstaat ausmacht. General Musharraf hat sich 1999 an die Regierungsspitze geputscht, radikale Islamisten unterstützt, den Handel mit Massenvernichtungswaffen wohlwollend geschehen lassen, Menschenrechte verletzt.

Und doch: Für George W. Bush gibt es in der ganzen arabischen Welt kaum einen wichtigeren Verbündeten als Musharraf. Für den wiederum zahlt die Kumpanei sich aus. Sein Regime steht ganz oben auf der Liste jener Länder, denen Washington mit viel Geld unter die Arme greift. Die amerikanisch-pakistanischen Beziehungen sind der Inbegriff der Realpolitik.

Derzeit jagen etwa 7000 pakistanische Soldaten im Grenzgebiet zu Afghanistan mutmaßliche Al-Qaida-Kämpfer. Eine Gruppe ist offenbar eingekesselt worden. Vermutet wird ein „hochwertiges Ziel“. Es könnte der Stellvertreter Osama bin Ladens sein, der ägyptische Arzt Ayman al Zawahiri. Genaues weiß man nicht. Im November wird in Amerika gewählt. Bis dahin soll Osama bin Laden unbedingt gefasst werden. Seit Anfang Februar rollt daher die Frühlingsoffensive. Mehrere Spezialeinheiten sind vom Irak an die pakistanisch-afghanische Grenze verlegt worden. Die Fahndung läuft auf Hochtouren.

Doch warum engagiert sich plötzlich auch Musharraf so intensiv, der erst vor kurzem wieder einem Attentat islamischer Extremisten entkam? Beliebt macht er sich damit nicht. Eine Umfrage des unabhängigen amerikanischen „Pew“-Zentrums hat soeben einen weltweiten dramatischen Ansehensverlust Amerikas diagnostiziert. Befragt wurden auch die Menschen in den drei muslimischen Ländern Pakistan, Jordanien und Marokko. Eine klare Mehrheit von ihnen befürwortet Selbstmordanschläge gegen US-Truppen im Irak. Und unablässig steigt die Popularität von Osama bin Laden. In Marokko finden ihn heute 45 Prozent der Menschen gut, in Jordanien 55, in Pakistan 65 Prozent.

Musharraf ignoriert die Stimme seines Volkes. Die Ursache dafür ist ein „Deal“ zwischen beiden Ländern: Washington drückt beide Augen zu, was die Ahndung der pakistanischen Proliferation betrifft, im Gegenzug hilft Islamabad bei der Suche nach Bin Laden. Es ist ein Pakt mit dem einen Teufel, um des anderen Teufels habhaft zu werden. Realpolitik pur.

Wer profitiert noch von einer Festnahme des Terrorfürsten? In erster Linie Bush im Wahlkampf. Dann kommt lange Zeit niemand. Aber würde die Welt insgesamt nicht sicherer? Daran zweifelt inzwischen sogar die CIA. Längst hat sich die Botschaft Bin Ladens verselbstständigt. Ob mit oder ohne ihn: Die Feindschaft zu den USA wächst. Sie ist der Nährboden, auf dem der Hass der islamischen Extremisten gedeiht. Bislang hat der so genannte „Kampf gegen den Terrorismus“ die Terrorgefahr eher vergrößert. Womöglich wird bald der nächste deutsche Begriff unübersetzt ins Amerikanische übernommen: dumm gelaufen.

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