Papierflieger : Verfluchte Technik

Ein Flugzeugkonstrukteur hat eine Innovation entwickelt. Er kann damit 60 Fluggeräte pro Minute produzieren. Unser Kolumnist Helmut Schümann faltet dennoch lieber.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Dass es sie noch gibt, die guten alten Dinge, hält die Moderne nicht davon ab, voranzuschreiten. Seit Jahren macht eine Kaufhauskette, die das Handgemachte sogar im Namen trägt, hübsche Gewinne, auch mit handgeschöpften Papieren. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Michael Dieter Krone bei aller Liebe zur Handwerkskunst mit solchem groben Papier arbeitet. Wenn ja, wäre seine Innovation nur zu verständlich. Der Ingenieur Krone ist Flugzeugkonstrukteur. Er ist auch Tüftler und hat jetzt A6 1.0 entwickelt. Damit schafft er 60 Stück in der Minute.

Warum? Krone hatte den Auftrag, zu einem 50. Geburtstag 500 Stück herzustellen. Das ist nicht nur mit handgeschöpften Papieren eine höllische Arbeit. Wir alle, wirklich alle, wissen ja, wie das geht, es dürfte wohl kaum einen Menschen geben, der ein gewisses Kleinkinderalter überschritten und damit schon technische Fingerfertigkeiten erworben hat, der so ein Ding noch nicht gebaut hat. Man nimmt dazu ein einfaches Blatt Papier, DIN A4 reicht schon, faltet es einmal der Länge nach, zieht die Faltlinie noch einmal mit dem Fingernagel nach, klappt dann zwei Ecken nach innen bis zur Mitte ein und halbiert dann die Längsseiten geklappt wieder nach außen. Fertig ist der Prototyp des Papierfliegers.

Der lässt sich natürlich verfeinern, bis hin zu Origami-Qualitätsjets, aber um durchs Klassenzimmer zu segeln und Liebesschwüre zu transportieren, reicht auch die einfache Lilienthal-Variante. Am Anfang aber steht immer die Faltung. Zu der war unser eingangs erwähnter Ingenieur zu faul. Also bastelte er eine Papierfliegerfaltmaschine. Invest: 8000 Euro. Vorne legt man wie beim Kopierer Papier ein, hinten kommt ein fertiger Flieger raus. Und besonderer Clou dieses Meisterwerks der Ingenieurskunst, es hat sogar eine Abschussrampe, von der aus die 60 Flieger pro Minute in die Lüfte starten. Umweltverträglich, wenn man einmal von den im Amazonasgebiet für die Papiergewinnung gefällten tropischen Bäumen absieht, denn absolut emissionsfrei. Ingenieur Krone konnte seinen Auftrag erfüllen, fristgemäß, binnen zehn Minuten, und sogar mit Überproduktion. Hurra!

Nun ja. Auch ein Papierflieger hat zwei Seiten. Auf der anderen steht, dass Milliarden von Papierfliegerfaltern mit so einer Maschine arbeitslos werden. Und auf dieser Seite steht auch, dass A6 1.0 der Romantik den Garaus macht. Schlimmer noch: Die Konstruktion markiert wohl den Tiefpunkt beim Niedergang des Handwerks. In Bälde wird niemand mehr in der Lage sein, einen Papierflieger händisch zu falten. Verfluchte Technik!Helmut Schümann

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