Papst Benedikt XVI. : Das Schisma in ihm

Der deutsche Papst holt einen Bischof in die Kirche zurück, der den Holocaust leugnet. Benedikt XVI. ist für Widerspruch gut. Er ist der Konservative geblieben, der er immer war, nur mit sanfteren Worten.

Stephan-Andreas Casdorff

Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet er. Weltweit wird des Holocaust gedacht, des Judenmords, und der deutsche Papst holt einen Bischof in die Kirche zurück, der den Holocaust leugnet. Die deutsche katholische Bischofskonferenz traute ihren Augen nicht, wer ihre Pressemitteilung liest, auch nicht. Bereits nach kurzer Einleitung wird diesem Bischof – und damit indirekt dem Papst – „auf das Schärfste“ widersprochen. Gottlob.

Die katholische Kirche steht bei den Nichtwohlmeinenden ohnedies im Verdacht des latenten Antisemitismus, seit alters her, seit ihrem Ursprung, aber auch anhand von Debatten, die um Leben und Wirken des Papstes Pius XII. im Zusammenhang mit der Schreckensherrschaft der Nazis geführt werden. Aktuell und historisch gibt es da also, sehr vorsichtig ausgedrückt, Vorbehalte. Und genau die, die stärkt Benedikt XVI.

Seine Gegner zischeln schon, dass er doch Hitlerjunge gewesen sei. Infam, das. Böse, so ein Vorwurf. Solche Kritik trifft ihn nicht. Wohl aber muss wieder über sein Bild von sich, von seinem Amt, von seiner Kirche geredet werden, kritisch. Es lässt sich argumentieren, dass er eben kein Hysteriker sei, sondern Historiker, der in Jahrhunderten denke, nicht in Tagen, dass er die Kirche zusammenhalten und ein Schisma heilen wolle. Eines aber, das zu den Ultrakonservativen führt.

Benedikt ist für Widerspruch gut. Er ist der Konservative geblieben, der er immer war, nur mit sanfteren Worten, seitdem er nicht mehr Wächter des Glaubens ist, sondern Hüter der Katholiken. Sein öffentliches Auftreten und dazu sein Eintreten für Traditionalismen, zum Beispiel die lateinische Messe: alles Zeichen. Zeichen seiner Zeit, um es in Anlehnung an Matthäus zu sagen. Das jetzt ist ein weiteres, ein erschreckendes. Denn dieser Papst, der als junger Gelehrter das Zweite Vatikanische Konzil in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts befruchtete, das den Katholizismus in die Zukunft wendete, scheint nunmehr von der reaktionären Vergangenheit zurückgezogen zu werden. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet er. Es wirkt, als lebe er im Schisma mit sich.

Benedikt soll nicht glauben, dass er keine nachwirkende Irritation bei den Juden in aller Welt ausgelöst hat. So wie die Muslime noch heute über seine Rede von Regensburg sprechen, werden es jetzt die Juden tun. Von wegen „ältere Brüder“, wie sie geheißen wurden. Solche Entscheidungen sollten sich die jüngeren nicht erlauben.

Es steht nun fest: Dieser Papst ist unpolitisch. Unter dem Deutschen Benedikt lässt sich über die früher professionelle politische Krisenprävention des Vatikan – für die es dort Ämter gibt – auch nichts Gutes sagen. Dazu kommt, wie erstaunlich unintellektuell er gehandelt hat. Sonst hätte Benedikt das Ganze in seiner Wirkung vorher durchdrungen. Sie kann so nicht beabsichtigt gewesen sein; wäre sie es, zeigte sie nicht Scharf-, sondern Starrsinn. Sollte noch jemand an das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes geglaubt haben, wird er jetzt eines Schlechteren belehrt.

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