Papst-Telefonat : Deutscher Hochmut: Angela Merkel spielt sich als Weltenrichterin auf

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht sich mit dem Papst aus. Was an diesem staatlichen Übergriff in innerkirchliche Angelegenheiten nervt, ist die unangenehme Mischung aus deutschem moralischem Hochmut und billiger Effekthascherei.

Alexander Gauland
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Das hat uns gerade noch gefehlt – die deutsche Bundeskanzlerin als oberster Weltenrichter. Man muss den Umgang des Vatikans mit den Pius-Brüdern nicht für der Weisheit letzten Schluss halten, um Frau Merkel zuzurufen: Das geht Sie nichts an!

Denn ihre Begründung, wenn es um Grundsatzfragen gehe, habe sie ein Recht zur Bewertung innerkirchlicher Entscheidungen, missachtet 500 Jahre Aufklärung und Reformation. Schließlich war es ein mühseliger und langer Weg zur Trennung von Kirche und Staat, zur Unterscheidung von dem, was Gottes, und dem, was des Kaisers ist.

Diese Unterscheidung fällt lutherischen Protestanten mit ihrer staatskirchlichen Tradition offenbar schwerer als gläubigen Katholiken, denen Bismarcks Kulturkampf noch in den Knochen steckt. Wenn die Papstschelte der Kanzlerin Schule machen sollte, haben wir künftig vom Regierungssprecher Weisheiten über das gemeinsame Abendmahl, Frauen als Priester, die Ökumene oder die dringende Notwendigkeit innerkirchlicher demokratischer Reformen zu erwarten, alles Grundsatzfragen für die Kritiker von Hierarchie und Dogma.

Was an diesem staatlichen Übergriff in innerkirchliche Angelegenheiten nervt, ist die unangenehme Mischung aus deutschem moralischem Hochmut und billiger Effekthascherei. Als ob gerade wir dazu berufen wären, anderen in Bezug auf den Umgang mit dem Holocaust Lehren zu erteilen – und das auch noch ohne jedes moralische Risiko im Strom der überschießenden Kritik an Papst Benedikt XVI. und seinen Beratern schwimmend, einer Kritik, der schon die ausgestreckte Hand in die falsche Richtung verwerflich dünkt.

Es ist schon merkwürdig: Im Streit zwischen bayerischer Staatsregierung und dem eigenen Umweltminister über das Umweltgesetzbuch ist die Kanzlerin Merkel so wenig zu vernehmen wie im Streit der Union zwischen Wirtschaftsliberalen und Sozialstaatsbewahrern die Parteivorsitzende Merkel. Doch im Streit um die Ausrichtung einer Weltkirche beansprucht die Kanzlerin eine Richtlinienkompetenz.

Wie hat Bismarck einst im Reichstag getönt: „Nach Canossa gehen wir nicht.“ Umgekehrt wird allerdings auch kein Schuh daraus. Das Oberhaupt der Katholischen Kirche ist der deutschen Kanzlerin nicht rechenschaftspflichtig, auch nicht in Sachen des Holocausts. „Wir sind Papst“ – nicht der liebe Gott.

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