Papst und Kondome : Ein Segen - nicht nur für Afrika

Mit wenigen, bedacht platzierten Sätzen rückt der Papst vom kategorischen Kondomverbot der katholischen Kirche ab. Er weist damit darauf hin, wofür Kirche da ist: für die Menschen. Ein Kommentar.

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"In begründeten Einzelfällen" sei die Benutzung von Kondomen erlaubt, so der Papst.
"In begründeten Einzelfällen" sei die Benutzung von Kondomen erlaubt, so der Papst.Foto: dapd

Wer hätte das gedacht? Der gelehrte, der intellektuelle, der theologisch beschlagene Benedikt XVI. verlässt das Studierzimmer der Disputation und geht in einer Weise auf die Menschen zu und auf ihre Nöte ein, die der katholischen Kirche Ehre macht. Mit wenigen, bedacht platzierten Sätzen rückt er vom kategorischen Kondomverbot der katholischen Kirche ab. Er weist damit darauf hin, wofür Kirche da ist: für die Menschen. Und dass die Kirche ihrer Verantwortung gerecht wird, indem sie nicht nur Aids-Kranken hilft, sondern ihren Teil dazu beiträgt, die Ansteckung weiterer Menschen möglichst zu verhindern.

Wenn der Papst ein Politiker wäre, würde man denken: Ein schlauer taktischer Schachzug, damit kann er vielleicht den Boden wettmachen, den seine Organisation durch die Missbrauchsskandale verloren hat. Doch so funktioniert diese Kirche nicht; und dieser Papst hat bisher demonstriert, dass er eher wenig Gespür für den Umgang mit Medien und die politischen Auswirkungen seiner Worte hat. Seine (gelehrten) Ausführungen zum christlich-islamischen Verhältnis kamen in einem angespannten politischen Kontext islamfeindlich an, der Papst musste sich entschuldigen. Auf seiner Afrika-Reise hatte er ganz richtig erklärt, dass Kondome das Aidsproblem nicht lösen können. Aber aus dieser ersten Stellungnahme von Benedikt XVI. zum Aidsproblem in Afrika las die Presse heraus, dass er das absolute Kondomverbot bestätigt.

Dagegen weiß der Papst, wie er innerhalb der Kirche Dinge anstößt. Er kann nicht über Nacht in einer theologischen Schrift eine Kehrtwende in einer so zentralen, umstrittenen Frage verkünden. In einem profanen Interviewbuch räumt Benedikt ein, dass in ganz bestimmten Fällen, beispielsweise um eine Ansteckungsgefahr zu verringern, der Gebrauch von Kondomen zulässig ist. Damit öffnet er die katholische Kirche für eine Debatte, lässt durch einen kleinen Spalt die Wirklichkeit hinein. Ein Zurück ist nicht mehr möglich, nur noch ein Voran – bis wohin, wird sich zeigen.

Warum der als reformunwillig gegeißelte Papst diesen Überraschungscoup jetzt gelandet hat? Er hat wohl doch gelitten unter dem Vorwurf, dass die Kirche in Afrika ihre Verantwortung nicht übernimmt, sich der Realität gegenüber blind zeigt. Welch ein Vorwurf könnte die Kirche schwerer treffen? Vielleicht haben es Benedikt XVI. gerade seine intellektuellen Fähigkeiten ermöglicht, das Thema von allen Seiten zu betrachten, sich ihm unideologisch anzunähern. Das Ergebnis ist: Die Forderung der katholischen Kirche, Sexualität solle wieder menschlicher werden, gewinnt natürlich an Gewicht, wenn die Kirche selbst sich menschennäher verhält. Für Menschen nicht nur in Afrika ist dies ein Segen.

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