Papstbesuch in Berlin : Willkommen in der Hochburg des missionarischen "Antichrist"

Wenn der Papst am 22. September nach Berlin kommt, wird fast alles sein wie immer und überall. Nur die Kritik am Kirchenoberhaupt wird ätzender, verletzender, zotiger, massiver und persönlicher ausfallen als sonst.

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Die Papstgegner in Berlin konnten am Christopher-Street-Day 2011 schon einmal üben. Foto: dpa
Die Papstgegner in Berlin konnten am Christopher-Street-Day 2011 schon einmal üben.Foto: dpa

Noch gut zwei Wochen bis zum eintägigen Besuch des Papstes in Berlin am 22. September. Fast alles wird sein wie immer und überall: staatsseitig würdevolle Reden und roter Teppich, bei den Gläubigen Jubel und Frömmigkeit. In einem Punkt aber wird sich Berlin unterscheiden, und zwar in der Kritik am Kirchenoberhaupt. Die wird ätzender, verletzender, zotiger, massiver und persönlicher ausfallen als sonst. Dagegen werden die Protestaktionen aus dem Jahr 1996, als Johannes Paul II. mit dem Papamobil Unter den Linden entlangfuhr, als harmlose Vorschau in Erinnerung bleiben.

Proteste gegen den Papstbesuch in Madrid
Tausende Spanier haben am 17. August in Madrid am Rande des Weltjugendtags gegen den bevorstehenden Besuch von Papst Benedikt XVI. demonstriert. Foto: dpaAlle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dpa
18.08.2011 07:55Tausende Spanier haben am 17. August in Madrid am Rande des Weltjugendtags gegen den bevorstehenden Besuch von Papst Benedikt XVI....

Schon seit Wochen macht ein Protestbündnis mobil, in dem sich bisher circa 50 politische und gesellschaftliche Gruppierungen zusammengeschlossen haben. In der gemeinsamen Resolution ist die Rede von „menschenfeindlicher Geschlechter-, Sexual- und Kondompolitik des Papstes“, von „Demokratie- und Frauenfeindlichkeit“, vom Versuch „religiöse Dogmen zu staatlichen Normen zu erheben“. Alles nicht neu, vieles aber zugespitzt. Entladen wird sich die Kritik aber so giftig und gallig, dass viele Katholiken, die teilweise inhaltlich konform gehen, sich abwenden werden.

Mit dem Scheitern des Volksbegehrens „Pro Reli“ 2009 – die Zahl der Abstimmenden war damals klein, die der Gegner hoch – outete sich Berlin als Stadt der religiös Gleichgültigen. Manche gehen weiter. Für sie ist Berlin die „Hauptstadt des Atheismus“. Aber was heißt das schon, wenn als Maßstab die Zahl der eingetragenen Kirchenmitglieder gilt (rund 28 Prozent)? Registriert wird ja nur, wer Kirchensteuern zahlt. Was ist beispielsweise mit Muslimen, Buddhisten und anderen Gemeinschaften? Was ist mit der verbreiteten selbstgebastelten Religiosität, die nicht mehr an spezifische Religionsinhalte, schon gar nicht an Gemeinschaften gebunden ist?

Gut möglich, dass Berlin diesmal über die medialen Bilder von der Anti-Papst-Demo ein neues Image erwirbt, nämlich die Hochburg des missionarischen „Antichrist“ zu sein. Das hört sich nach säkularer Inquisition an und so hätten es einige Zeitgenossen auch gern, die religiöse Überzeugungen für steinzeitliche, abzuwehrende Hirngespinste halten. Für Proselytenmacherei aber ist Berlin das falsche Pflaster. Hier ist das weltanschauliche Chaos zu Hause. Bekehren war einmal. Die Zeit der absoluten Gewissheiten ist vorbei. Hier gilt auch ohne preußische Anordnung von Majestäten: Jeder möge nach seiner Façon selig werden. Und deshalb: Trau keinem mit einem geschlossenen Weltbild, mit und ohne Papst.

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