Meinung : Paradoxe Kontinuitäten

Offene Wunden: Die RAF, die Studentenbewegung und die Last des Nationalsozialismus

Paul Nolte

Die Erinnerung nach dreißig Jahren hat in den letzten Monaten immer wieder gezeigt, wie offen die Wunde von 1977 noch ist. Und doch erscheinen die RAF und ihr Terrorismus mit dem Abstand einer ganzen Generation immer mehr als Teil der jüngeren deutschen Geschichte, als ein Kettenglied in der komplizierten gesellschaftlichen und kulturellen Konstellation der sechziger und siebziger Jahre. Woher kamen die spezifische Gesinnung, der Hass und die Gewaltbereitschaft der Baader-Meinhof-Gruppe um 1970 – in einer Zeit also, in der die Bundesrepublik, am Beginn der sozialliberalen Koalition und der Kanzlerschaft Willy Brandts, vor Optimismus und Reformbereitschaft nur so strotzte und der Staat sich seinen Bürgern gegenüber auf ungekannte Weise öffnete im Sinne des Brandt’schen Mottos, mehr Demokratie zu wagen? Der Terrorismus der RAF ist weder ein Bestandteil noch eine simple Verlängerung der „68er“ und namentlich der Studentenbewegung gewesen. Die profilierten Studentenführer sind den Weg in den kriminellen Untergrund nicht gegangen, sondern haben zur gleichen Zeit den „Marsch durch die Institutionen“ angetreten – etwa in Willy Brandts SPD –, haben in vielleicht lächerlichen, aber doch ungefährlichen kommunistischen Sekten überwintert und sich später oft den neuen sozialen Bewegungen, auch den Grünen angeschlossen. Dennoch ist der Terrorismus ohne den radikalen Flügel der Studentenbewegung, sein ideologisches Gespinst und seine kollektivpsychische Verfassung kaum denkbar und ganz gewiss nicht verstehbar.

Von der Grenzüberschreitung zur physischen Gewalt in Teilen dieser Bewegung muss dabei noch nicht einmal die Rede sein. Das ideologische Gespinst: Das war ein trivialisierter und gleichzeitig versteinerter, immunisierter Marxismus, demzufolge die Bundesrepublik ein „bürgerliches“ Herrschaftssystem verkörperte, das die Massen in einer Scheindemokratie unterdrückte und das mit Hilfe einer Revolution auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern war. Die kollektivpsychische Verfassung: Das war schon bei Rudi Dutschke und seinen Mitstreitern jene eigentümliche Mischung aus spätpubertär-kraftstrotzendem Selbstbewusstsein – „Wir heben die Welt aus den Angeln“ – und tiefer Verängstigung, einem Verfolgungswahn, dem zufolge das „System“ übermächtig herrschte und die jungen Menschen aufrechter Gesinnung an die Wand drückte. Dieser Aspekt der Angst, ja der Paranoia war für die Zeitgenossen vielleicht weniger sichtbar, aber mindestens ebenso bedeutsam. Hans Magnus Enzensberger hat den Typus des Terroristen viel später, im Angesicht des 11. September, als den „radikalen Verlierer“ bezeichnet. Vieles davon versteckte sich bereits hinter Baaders dunkler Sonnenbrille oder kam in der selbstverzehrenden Verzweiflung der auffällig vielen weiblichen Terroristen zum Ausdruck.

Die Studentenbewegung wiederum radikalisierte in mancher Hinsicht nur die Stimmungslagen, man könnte auch sagen: den „Zeitgeist“ seit der Mitte der sechziger Jahre, für den heftige Ausschläge zwischen Optimismus und Pessimismus, zwischen Euphorie und Düsternis bis in den „Mainstream“ von Gesellschaft und Öffentlichkeit hinein charakteristisch waren. Darin kam so etwas wie eine Pubertätskrise der Bundesrepublik zum Ausdruck. Die Wirtschaft boomte, die Lebensdauer der Republik von Weimar war bereits eingeholt und übertroffen. Aber die Fragen bohrten erst recht: War Bonn nicht doch Weimar? Wie sicher war das Fundament? Waren die Erfolge überhaupt Realität oder nur Fassade, die demnächst einzustürzen drohte? In der heftigen Debatte über die Notstandsgesetze während der ersten großen Koalition wurde auch bei vielen liberalen Intellektuellen die ernsthafte, aus heutiger Sicht dagegen maßlos übertriebene Sorge laut, die Demokratie der Bundesrepublik sei in akuter Gefahr, eine Art „Faschismus light“ zeichne sich ab, herbeigeführt durch einen kalten Staatsstreich. Um so höher ist das Verdienst Willy Brandts zu bewerten, die demokratische Linke mit seinem Optimismus aus dem Ghetto dieser Paranoia befreit zu haben. Einer Minderheit gelang das jedoch nicht – sie steigerte sich seit Beginn der siebziger Jahre immer tiefer in ihre Verschwörungstheorien hinein, und die Terroristen wurden zur Speerspitze dieser Minderheit. Nicht in ihrer Bereitschaft zu Terror und Gewalt, wohl aber in der Diagnose, dass der Staat, dass das „System“ korrupt oder bestenfalls lächerlich sei, folgten ihnen bis in die achtziger Jahre immer neue Kohorten meist gut gebildeter Jugendlicher, die den demokratischen Staat mit seinen „Bullen“ zu verachten übten.

Wenn man diese Ideologie, um nicht zu sagen: politische Theorie des linken Extremismus und der RAF ernst nimmt – muss man dann nicht doch von einem politischen Gehalt des Terrorismus ausgehen? Aus der Sicht der Terroristen war die Gewalt ein notwendiges, letztlich vom Gegner erzwungenes Mittel für die eigenen politischen Ziele; der Staat dagegen hat es mit Recht immer abgelehnt, sie als politische Straftäter zu sehen und etwa der Selbststilisierung als „politische Gefangene“ zu folgen. Ganz gewöhnliche Kriminelle waren sie aber doch nicht – warum hätte man sonst in Stuttgart-Stammheim einen eigenen Trakt eröffnen müssen, in dem die verurteilten Terroristen in einer Mischung aus Hochsicherheit und Privilegien lebten? Die Bildung einer terroristischen Vereinigung war offensichtlich etwas anderes als Bandenkriminalität. Wenn der Staat erpresst wird, dann wird die Gewalt notwendigerweise „politisch“. Auf diese Weise ist aus einem extrem asymmetrischen Verhältnis zwischen einer gewalttätigen Minderheit und der demokratischen Gesellschaft so etwas wie ein Kampf auf Augenhöhe gemacht worden: nicht nur in der anmaßenden Perspektive der Terroristen.

Dieses schiefe Szenario, das der Terror dem Staat aufzwingt, wirkt bis heute nach, wenn der „Deutsche Herbst“ als eine Art großes Duell, als ein High Noon zweier Giganten stilisiert wird: Helmut Schmidt, Horst Herold und der Krisenstab gegen Baader und die Seinen. Dann liegt das Urteil nicht mehr fern, am Ende sei dieser Kampf eins zu eins unentschieden ausgegangen, weil auch der Staat in seinen Reaktionen ja überzogen, wenn nicht gar provoziert habe. Zweifellos hat der Terrorismus den Staat der Bundesrepublik verändert. Aber wenn einige konservative Philosophen und Staatsrechtler meinen, er habe die Bundesrepublik als einen souveränen Staat im Ausnahmezustand des Terrors erst eigentlich ins Leben gerufen, sind sie ihrerseits in die Falle dieses vermeintlichen Kampfes auf Augenhöhe gegangen. Umgekehrt können die Terroristen schlecht für sich in Anspruch nehmen, als Gerechtigkeitsbringer in einer ungerechten Gesellschaft operiert zu haben. Dann wären sie – auch diese Deutung ist immer wieder im Umlauf – eine Art moderner Sozialrebellen, die Robin Hoods des späten 20. Jahrhunderts. Und in der Tat: Die Terroristen der ersten Generation bleiben für manche bis heute Helden. Andreas Baader – ein cooler Revoluzzer und Nonkonformist. Ulrike Meinhof – eine Art Heilige Johanna der bleiernen Zeit. Wer sie heute mit ihrem zweiten Vornamen Ulrike „Marie“ Meinhof nennt, signalisiert subtil seine Bewunderung der Unschuldigen, der feinsinnigen Intellektuellen, die vom Staat geschunden wurde, mindestens aber am Elend der Gesellschaft zugrunde gegangen ist.

Aber die Verflechtungen des Terrors in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts reichen ein erhebliches Stück hinter die sechziger Jahre zurück. Es ist kein Zufall, dass in Westeuropa neben der Bundesrepublik auch Italien mit seinen „Brigate Rosse“ ein Zentrum des linksfundamentalistischen Terrorismus bildete: zwei postfaschistische Länder auf der Suche nach dem Umgang mit ihrer traumatischen, nicht aufgearbeiteten Vergangenheit. Den „Muff von tausend Jahren“ unter den Talaren der Professoren zu lüften, also die verschwiegenen personellen und institutionellen Kontinuitäten des „Dritten Reiches“ aufzudecken und zu durchbrechen, war schon ein wesentliches Motiv der Studentenbewegung. Indem die Bundesrepublik selber als ein quasi-faschistischer Polizei- und Verfolgungsstaat interpretiert wurde, sollte auf diese unbewältigte Vergangenheit aufmerksam gemacht werden.

Gerade diese historische Kontinuität produzierte eine merkwürdige Paradoxie: Warum ist aus der Erfahrung der Diktatur und Gewalt nicht eine soziale Bewegung mit radikalen Bekenntnis zur liberalem Demokratie hervorgegangen? Einen „SDS“ gab es bekanntlich zweimal, in der Bundesrepublik und in den USA. Dort waren das die Studenten für eine „demokratische“ Gesellschaft, bei uns ein „sozialistischer“ Bund mit romantisch-utopischen Überschüssen und einem – zurückhaltend gesagt – ungeklärten Verhältnis zur Demokratie. In der Bundesrepublik, vielleicht überhaupt in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist es erst den Grünen gelungen, und auch das nur unter heftigen Schmerzen, „Radikalismus“ als eine Bewegung zur zivilgesellschaftlichen Erneuerung, nicht zur Abschaffung der Demokratie zu etablieren.

Dennoch ist es nicht falsch, die Terroristen ihrem weiteren Selbstverständnis nach als Rächer der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 zu bezeichnen. Der exemplarische Fall für die Überlappung dieser historischen Kräftefelder ist bekanntlich Hanns Martin Schleyer. War seine Entführung und schließliche Ermordung die „gerechte Strafe“ für einen der vielen kalten Täter und Mitläufer, die nicht zur Rechenschaft gezogen worden waren und in der Bundesrepublik ungerührt wieder Karriere machten? In der Sichtweise der Entführer, einschließlich ihrer Legitimationsversuche nach außen, spielte das jedoch eine sehr untergeordnete Rolle, und mit Blick auf die anderen prominenten Opfer der RAF, von dem Berliner CDU- Vorsitzenden Peter Lorenz bis zu Alfred Herrhausen und Detlev Rohwedder, wird man die NS-Vergangenheit nicht ein primäres Auswahlkriterium nennen können. Der radikale, der paranoide Hass auf die Bundesrepublik hatte sich längst verselbstständigt, worin auch immer Teile seiner Wurzeln lagen.

Der „Antifaschismus“ der gewaltbereiten Linken stand seit 1967 im Schatten anderer „Anti“-Haltungen, die sich ebenfalls in weitere Horizonte der deutschen Geschichte einordnen lassen. An erster Stelle wäre dabei von dem rabiaten Antikapitalismus zu sprechen. Er stellte in den sechziger und siebziger Jahren zwar keine deutsche Besonderheit dar – zumal in Frankreich und Italien gab es ähnliche Strömungen. Aber dort hat der Terrorismus nicht in vergleichbarer Weise die führenden Repräsentanten der Wirtschaft, von Banken, Industrie, Verbänden zum Hassobjekt erklärt, fast noch mehr als die Repräsentanten des Staates. Man könnte lange über deutsche Traditionen des Antikapitalismus sprechen, bis in die nationalsozialistische Propaganda und ihr Feindbild vom jüdischen Großkapital hinein: eine andere paradoxe Verflechtung des Terrors mit dem „Dritten Reich“. Dennoch richteten sich auch auf den Antikapitalismus der RAF immer wieder Projektionen der jüngeren Generation in Westdeutschland. Dabei war es schon seit 1969, seit dem Scheitern der Studentenbewegung in der Auflösung des SDS, ein diffuser, ein hilfloser, ein alternativloser Antikapitalismus. Die Abschaffung des „Systems“ war Selbstzweck; am Ende ging es nicht einmal mehr darum, sondern nur noch um die „Entlarvung“ des Bündnisses von Kapital und vermeintlich faschistischem Staat.

Schließlich müsste man auf den Antiamerikanismus hinweisen, der sich seit den späten sechziger Jahren auf eigentümliche Weise in einen versteckten Antisemitismus verwandelte. Die Studentenbewegung entzündete sich in den USA wie in der Bundesrepublik, zumal in West-Berlin, maßgeblich am Vietnamkrieg. Dahinter stand ein antikolonialistischer Impuls, die Sympathie mit den weltweiten Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt. Aber wohl nirgendwo sonst hat sich dieser antikoloniale Impuls in ein so euphorisches Bündnis mit der palästinensischen Sache transformiert wie in der Bundesrepublik. Man wollte auf radikale Weise historische Schuldgefühle loswerden: gegenüber Israel ebenso wie gegenüber den USA, denen man nicht mehr für die demokratische Befreiung von Hitler dankbar sein mochte. Nicht erst mit der „Landshut“-Entführung kam dieses Bündnis zustande; schon im Sommer 1970 hatte die Gruppe um Baader sich von der Fatah in Jordanien ausbilden lassen. Dass eine Gesinnung der radikalen Befreiung ausgerechnet in Deutschland mit Feindschaft gegen Israel bis hin zu neuem Antisemitismus einherging, offenbart die paradoxen Kontinuitätslinien des Terrors in unserer Geschichte vielleicht besonders schmerzhaft.

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