Meinung : Parlamentswahl in Italien: Hässliche Italiener?

Gelegentlich tun uns Italiener den Gefallen und zeigen sich genauso, wie wir sie uns vorstellen: Dann drucken sie zum Beispiel Wahlzettel so kompliziert wie Gebrauchsanweisungen für japanische Videorekorder und verschieben, als sie merken, dass sich zum Wahlende immer noch die Bürger vor den viel zu wenigen Wahllokalen drängen, einfach die Öffnungszeiten, während im Fernsehen schon Hochrechnungen laufen. Kurz: Sie machen alles, um das Klischee zu bestätigen, wonach Italiener zwar liebenswert, aber lausige Organisierer seien. Manchmal zeigen sich Italiener aber auch so, wie sie sich viele Deutsche mit ihrer unstillbaren Sehnsucht nach Italien unter keinen Umständen vorstellen wollen. Da sind die Medien-Bilder des zwielichtigen Regierungschefs Silvio Berlusconi, vereint im Jubel mit vermeintlichen Postfaschisten und Separatisten. Bilder vom hässlichen Italiener.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die deutsche Öffentlichkeit erst spät vom Siegeszug Berlusconis Notiz nahm. Nach ungläubigem Staunen hört sie nun schrille Alarmzeichen, unter die sich manch falscher Ton mischt. Am falschesten jener, der ein Vorgehen der europäischen Partner gegen Italien fordert. Um dieses Ansinnen zurückzuweisen, muss man nicht einmal an die Sanktionen gegen Österreich erinnern. Denn der Populist Berlusconi ist alles andere als ein Haider, er ist auch kein Rechter. Selbst sein wichtigster Verbündeter, Gianfranco Fini von der Alleanza Nazionale, ist kein Faschist, sondern ein demokratischer Rechter. Deshalb verbietet sich zu diesem Zeitpunkt jede Form der Sanktion. Und wenn der Kanzler nun nicht mehr Urlaub in Positano machen wollte, wäre das nur eine Einmischung in seine eigenen inneren Angelegenheiten.

Und doch hat die Wahl Silvio Berlusconis zum Regierungschef Züge einer Katastrophe, und zwar für die politische Kultur in Italien. Sie zeigt einen tiefen Riss in jenem Wertesystem, in dem demokratische Entscheidungen und besonders Regierungwechsel überall sonst in der EU reifen. Wo wäre es denkbar, dass einer zum Regierungschef gewählt wird, gegen den Ermittlungverfahren wegen Bestechung, Bilanzfälschung und Geldwäsche anhängig sind? Wer hätte die Stirn, sich als Retter Italiens zu verkaufen, der die Sicherheit seiner Familie einige Jahre einem Mafioso anvertraute?

Diese Informationen waren allen Italienern zugänglich, viele der angesehensten Intellektuellen haben vor Berlusconi gewarnt. Trotzdem ist der Urnengang zu einer Art Plebiszit für Berlusconi geraten. Das ist nicht denkbar ohne die große Enttäuschung über die nun abgewählte erste linke Regierung in der Geschichte Italiens. Man hat sie gewiss mit unerfüllbaren Erwartungen beladen, und wahr ist auch, dass sie Beachtliches geleistet hat. Und doch hat sie in der ersten Hälfte ihrer Legislaturperiode den Pakt mit den unbelehrbarsten Altkommunisten nicht gescheut. Sie hat sich zuletzt immer mehr den für italienische Politiker so typischen, für die Wähler so abstoßenden Ränkespielen hingegeben.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, nach der Zerschlagung des alten Parteiensytems Anfang der 90er Jahre ist in Italien ein Vakuum entstanden. Die Spaß- und Eventkultur, das Leitbild von Geld und Erfolg beinahe um jeden Preis haben die Vormacht in einer Gesellschaft errungen, die vorher als außergewöhnlich stark politisiert galt. All das wäre an sich noch kein Unglücksfall, wenn dieser Wertewandel nicht einher gegangen wäre mit einer Abstumpfung gegenüber den Regeln einer funktionierenden Demokratie, gegenüber Anstand und Gesetz. Was auch immer gegen Berlusconi ruchbar wird - der Beschuldigte leugnet alles und stellt sich als Opfer einer Verschwörung dar. Und den Leuten, die zu einem erheblichen Teil ihre Information aus Medien im Besitz von Berlusconi beziehen, ist es egal geworden.

Immerhin ist die Wahl nicht so deutlich ausgefallen, dass Berlusconi die befürchteten Eingriffe in die Verfassung oder gar ermächtigungsartige Dekrete durchsetzen könnte. Auch dürften die Differenzen zu den Bündnispartnern stärker als im Wahlkampf aufscheinen. Aber die Verhältnisse sind neu in Italien, und ein Bild davon müssen sich zuerst die Italiener selbst machen. Erst dann sind wir Italienfreunde wieder dran. Aber möglichst ohne Klischees.

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