Meinung : Parteien und Familien: Wer hat die Hoheit über den Sandkasten?

Es muss etwas geschehen, sagt Edmund Stoiber. 1000 Mark für jedes Kind, sonst gehen unsere Sozialsysteme kaputt. Wir tun was, antworten die rot-grünen Politiker, und zwar viel mehr als die christdemokratischen Vorgängerregierungen. Deutet sich etwa ein Wahlkampf um Kinder und Familien an? Das wäre nicht schlecht. Denn die Familien brauchen den Staat mehr als je zuvor. Aber die Aussicht auf einen Familien - Wahlkampf löst auch einen unbestimmten Trübsinn aus. Ist etwas anderes davon zu erwarten als folgenlose Sonntagsreden?

Bis in die 80er Jahre folgte auf schöne Wahlversprechen für die Familien recht wenig in Mark und Pfennig. Das war nicht einmal ungerecht. Denn alle hatten Kinder, und für alle war Familie ein zentraler Lebensinhalt. Kürzer treten für die Kinder? Keine Frage, es traf jeden einmal. Die Familien-Bilanz der beiden letzten Jahrzehnte aber, über staatliche Transferleistungen, über wichtige Reformen wie Erziehungsgeld, Elternurlaub, Teilzeit ist in einem viel tieferen Sinn folgenlos: Sie kann nichts daran ändern, dass der Verlust an Familie ein allgemeines Merkmal unserer Gesellschaft geworden ist.

Dabei ist längst ein Streit von gestern, wie eine moderne Gesellschaft Familie definiert. Die Bürger haben entschieden: Die Mehrheit wünscht sich eine stabile Zwei-Generationen Familie, in der die Eltern der Kinder verheiratet sind, es aber nicht sein müssen. Nicht-eheliche, geschiedene, allein erziehende Familienformen haben ihren Platz. In diesen Freiheiten liegt das große Glück der gewünschten und bejahten Kinder. Wer ohne Kinder, wer allein, zu zweit, schwul, lesbisch oder sonstwie lebt, hat Möglichkeiten der Selbstentfaltung, die alle Eltern neidisch machen können. Soweit das glatte Bild der modernen Familie in einer modernen Gesellschaft.

Aber viel weniger als die neuen Familienbilder haben wir die wichtigste Veränderung registriert: Familie, in welcher Form auch immer, verliert unaufhaltsam ihre zentrale Bedeutung für den Einzelnen und für die Gesellschaft. In allen Industriestaaten sind die Geburtenraten unabhängig von Familienpolitik, Kindergeld und Betreuungsmöglichkeiten deutlich gesunken, seit Kinder eine freie Entscheidung und planbar geworden sind, seit den Frauen Bildung und Berufsleben offen stehen. Für alle Menschen, für Kinderlose und Eltern, verschieben sich die Relationen: Es schwinden Raum und Zeit für die Familie, also den Teil des Lebens, der in unmittelbarer persönlicher Verantwortung für die folgende Generation steht, während die familienfreie Zeit für den Beruf und seine Zwänge, für Reisen, Kultur und Freizeit wächst.

Für den Einzelnen und für die Gesellschaft ist das ein großer, fast gefährlicher Verlust an Kontinuität, Tradition und Sicherheit. Kinder wachsen ohne das Kontinuum einer dichten Familienfolge auf, in dem der Fundus von gemeinsamem kulturellen Wissen und sozialen Verhalten fast unbewusst weiter gegeben wird. Dafür gibt es nun die erste Kindergeneration, die ihren Eltern und Lehrern voraus ist, wenn es um Computer und Internet geht. Dem glatten Bild von einer Gesellschaft, in der Bindungen freie Wahl sind, steht in zahllosen Fällen die unerfüllte Sehnsucht nach Kindern, Liebe, Bindung gegenüber.

Der Staat? Er muss gerade deshalb mehr für die Familien leisten, weil seine Hebel und Zwänge wirkungslos geworden sind, wenn es um die je individuelle Entscheidung für Bindungen und Kinder geht. Aber wie viele Kinder geboren werden, darüber entscheiden weder 1000 Mark, noch kostenfreie Betreuung, sondern allein der Kinderwunsch. Und der folgt keiner Kosten-Nutzenrechnung.

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