Parteitag : Die Diffusion der Linken

Die Linke hat an diesem Wochenende Parteitag und kaum einer schaut hin. Schließlich werden es täglich mehr – nein, nicht Wähler, sondern Gruppierungen. Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

Stephan-Andreas Casdorff

Die Linke hat Parteitag und kaum einer schaut hin. Erstaunlich angesichts dieser Zeiten. Als seien die Ideen, die Lafontaine, Gysi & Co. immer wieder geäußert haben, nicht aktuell. Dabei hatten sie nie mehr Konjunktur. Aber bei genauem Hinschauen zeigt sich: Alle Parteien – bis auf die FDP – sind irgendwie sozialdemokratisch; und manche – wie die CDU – sind auch linker geworden.

Dass vor diesem Hintergrund der Parteitag der Linken besonders revolutionär wird, ist kaum zu erwarten. Inhaltlich nicht, personell ebenso wenig. Denn das setzte voraus, dass sich die, die voller Umsturzgelüste gegen Lafontaine sind, auf eine Argumentationsschlacht mit ihm einließen. Dafür müssten sie aber Mut und mehr aufbieten.

Revolutionär mutet dagegen die Situation der Linken insgesamt an. Die Grünen zum Beispiel: Sie sind, Stand heute, auf dem Weg zu einer linken CDU de luxe, mit Wohlfühl- und Nachhaltigkeitsfaktor. Bei ihnen wird der Müll besser getrennt, das „Du“ ist weiter verbreitet, und stricken darf Mann auf Parteitagen auch noch, ohne scheel angesehen zu werden. Die andere Linke zersplittert in einer Weise, wie es die Grünen früher waren. Oder die Linke nach ’68 war.

Bei der Partei „Die Linke“ gibt es Altstalinisten, Traditionalisten, Realsozialisten, Sozialdemokraten, sogar strukturkonservative Sozialdemokraten. Bei der SPD fängt es mit der Unübersichtlichkeit jetzt auch an. Was insofern fatal ist, als die Sozialdemokraten doch im Bund regieren wollen. Nur haben die in einer Zeit, in der die Partei einen Spitzenmoderator und geduldigen Kommunikator bräuchte, Franz Müntefering. Dem sagen immer mehr Genossen nach, dass ihm das Gespür abhanden komme für das, was in der SPD sowohl los als auch nötig sei. Auszug aus der Kritik: Kurze Sätze könne er noch immer, Programm immer noch nicht. Einen Willy Brandt gibt er – in der Hinsicht – damit auf seine alten Tage also nicht mehr her. Und Frank-Walter Steinmeier traut sich gerade erst ein bisschen mehr an die Führung heran. Aber bis sein Anspruch ganz klar ist, dauert es seine Zeit; übrigens auch, bis klar ist, ob er „Partei kann“, wie Müntefering über die Vizevorsitzende Andrea Nahles gesagt hat.

Sie nun wiederum ist in der SPD die Vertreterin der Regierungslinken, was als Begriff dem der Grünen vor Jahren ähnelt. Links reden, aber mittendrin sein und beim Regieren mächtig mitmischen. Die nächsten Linken sind die in der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen, die mit Ottmar Schreiner an den Rand gedrängt worden sind. Außerdem: die bekannten Agendisten, die mit der „Agenda 2010“ groß geworden sind, Steinmeier, Steinbrück.

Doch jetzt kommen, ausgerechnet in Steinmeiers und Schröders Heimat, in Niedersachsen, diese Sozialdemokraten größer raus: die in der „Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD“. Das sind die Linken, die den Anspruch erheben, die rechten Sozialdemokraten zu sein. Sie fühlen sich wahrhaft links und freier zu handeln als die Linken in der Regierung. Und davon werden es immer mehr.

Die Diffusion hat begonnen. Der Parteitag irgendeiner Linken auch.

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