Meinung : Patriotismus oder Erpressung

Längere Arbeitszeit bei Siemens: Für zwei Jahre sind 4500 Arbeitsplätze sicher

Alfons Frese

Vom Verzicht der Arbeitnehmer profitieren die Aktionäre. So sah es aus, nachdem sich der Siemens-Vorstand mit der IG Metall auf mehr Arbeit und weniger Geld geeinigt hatte: Die Siemens-Aktie stieg deutlich. Das Kapital hat sich also einmal mehr gegen die Arbeiter durchgesetzt. Könnte man meinen. Vielleicht aber haben sich die Herren des Kapitals auch auf einen Deal zugunsten des Standorts Deutschland eingelassen. Eine patriotische Entscheidung, sozusagen. Und Siemens-Chef Heinrich von Pierer geht als Kämpfer für Arbeitsplätze in die Konzerngeschichte ein. In der Chronik der IG Metall dürfte allerdings eher der Begriff Erpresser stehen.

Von Pierer hatte sich im Frühjahr über den Tarifabschluss in der Metallindustrie geärgert: Zu teuer und nur mit einer sehr eingeschränkten Möglichkeit für die Betriebe zur Verlängerung der Arbeitszeit. Was der Arbeitgeberverband der IG Metall nicht abtrotzen konnte, versuchte von Pierer daraufhin im eigenen Unternehmen. Nun arbeiten einige tausend Siemens-Mitarbeiter in Nordrhein-Westfalen länger, bekommen die Mehrarbeit nicht bezahlt und müssen darüber hinaus mit weniger Weihnachtsgeld rechnen. Dafür ist der Arbeitsplatz in den nächsten zwei Jahren sicher.

Die IG Metall hat verbissen gekämpft, damit Siemens auf keinen Fall als Modell durchgeht für die Formel: Länger arbeiten gleich sichere Arbeitsplätze. Und sie hat mit nicht ganz sauberen Mitteln ihre Truppen mobilisiert, indem plötzlich nicht mehr ein paar tausend, sondern 75000 Siemens-Stellen in Deutschland gefährdet waren. Das hat gut gewirkt, vor einer Woche beteiligten sich 25000 Siemens-Beschäftigte im ganzen Land an Protesten. Die Atmosphäre wurde giftiger, es war an der Zeit für eine Entscheidung.

Und wer hat den Stellenpoker gewonnen? Erstens 4500 Arbeiter und Angestellte in Kamp-Lintfort und Bocholt, die zwei Jahre ihren Job sicher haben. Zweitens Siemens, denn die Arbeitskosten sinken nach eigenen Angaben um 30 Prozent und das Unternehmen wird an der Börse wertvoller. Drittens die IG Metall, die für den Siemens-Konzern eine neue Rahmenvereinbarung erreicht hat, gewissermaßen eine Geschäftsgrundlage für den künftigen Umgang miteinander inklusive des Bekenntnisses zum Flächentarif und damit zur 35-Stunden-Woche. Ausnahmen bestätigen die Regel.

So groß die augenblickliche Erleichterung über den Kompromiss auch ist – wahrscheinlich beginnt das Theater in zwei Jahren erneut. Nach Berechnungen der IG Metall liegt der Anteil der Lohnkosten an den gesamten Herstellungskosten eines Handys aus Nordrhein-Westfalen bei acht Prozent. Weil das so wenig ist, fällt auch der Lohnkostenvorteil im Ausland – im konkreten Fall in Ungarn – nicht sonderlich ins Gewicht. Aber immerhin: Durch den Verzicht der Arbeitnehmer spart Siemens pro Handy fünf Euro.

Ob das langfristig hilft? Handys kann man überall montieren und die Mitarbeiter in Nordrhein-Westfalen müssten mindestens 80 Stunden in der Woche arbeiten, um den Kostenvorteil der Chinesen aufzuholen. Doch so weit muss der Konzern gar nicht ziehen. Solange in den neuen EU-Mitgliedsländern die Steuersätze gravierend unter und die Subventionen über dem deutschen Niveau liegen, wird sich der Sog aus der Nachbarschaft nicht abschwächen.

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