Meinung : Peitsche statt Hafer

„Bildung unter der Lupe / Zöllners Qualitätsoffensive stößt auf geteiltes Echo“

von Sigrid Kneist vom 25. November

Der Schulsenator handelt wie ein Fuhrmann, der keinen Hafer für seine Pferde bekommt und deshalb ersatzweise eine neue Peitsche anschafft. Selbst starke Schulen, die keinen Qualitätsvergleich zu scheuen haben, beschleicht ein Unbehagen, wenn der Erfolgsdruck nach unten durchgereicht wird, um sich oben zu entlasten. Derzeit ist man an vielen Schulen froh, wenn es gelingt, in jeder Stunde vor jede Klasse eine Lehrkraft stellen zu können, die oftmals unvorbereitet oder fachfremd die Kinder über den Tag zu bringen hat. Selbst ein plötzlicher Geldregen würde nur begrenzt helfen, da der Markt der Bewerber leer gefegt ist. Auch so gesehen treibt Professor Zöllner die Schulen in eine darwinistische, ja kannibalistische Konkurrenz, die eher Motivation zerstört als schafft. Hoffen wir, dass die Pferde nicht einfach stehen bleiben!

Werner Munk, Berlin-Neukölln

Man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll: An Schulen mit hohem Unterrichtsausfall muss das gesamte Personalkostenbudget für Vertretung verwendet werden, an Schulen mit geringerem Ausfall soll es weiterhin auch für Projekte zur Verfügung stehen – im Klartext: Schüler, die das Pech haben, Lehrpersonal mit schwacher Gesundheit zu haben, werden dafür bestraft, indem ihnen keine zusätzlichen Projekte angeboten werden, Schüler dagegen, die das Glück mit gesunden Lehrern gesegnet hat, werden durch zusätzliche Angebote belohnt! Aber wahrscheinlich ist diese Ankündigung als Druckmittel für Schulleitungen und Kollegien zu verstehen: Um solches Unheil von der eigenen Schule abzuwenden und sie weiterhin attraktiv zu machen, damit der Ruf der Schule nicht leidet und die „guten“ Eltern auch die „guten“ Kinder schicken, müssten die noch gesunden Kollegen einfach unbezahlten Vertretungsunterricht übernehmen und somit das Geld für die Projekte sichern.

Die wesentliche Ursache für Unterrichtsausfall ist aber die Ausstattung der Schulen mit 100 Prozent Personal, also ohne Vertretungsreserve. Was die Schulen brauchen, ist eine bedarfsgerechte Personalausstattung mit einer angemessenen Vertretungsreserve sowie Entlastungen für die älteren Kolleginnen und Kollegen – und das sind mehr als 50 Prozent der Lehrkräfte.

Ursula Müller-Wißler,

Berlin-Rahnsdorf

Jürgen Zöllner hat die Samthandschuhe ausgezogen. Nun kann die Schulreform tatsächlich beginnen. Allerdings gehört es zu den Rahmenbedingungen einer erfolgversprechenden Reform, auch den Beteiligten vor Ort Mut zu machen! Die Schulen haben gewiss ungenutzte Kompetenzen, die durch einen fairen Vergleich hochgradig aktiviert werden können. Unsere Lehrkräfte sind nach meinen Erfahrungen einsatz- und anstrengungsbereit, wenn ihnen sachgerechte Gestaltungsspielräume zur Verfügung gestellt werden. Das tun gute Schulleitungen und haben damit positive Ergebnisse erzielt. Transparenz der Ausgangslage und der angefragten Zwischenergebnisse gehören allerdings zusammen – sonst dominieren Standortmerkmale.

Unsere Schullandschaft wird sich positiv weiterentwickeln, wenn wir auch bei „schwachen Schulen“ die Selbstheilungskräfte aktivieren. Dazu ist an einigen Schulen ein Wechsel der Leitungskräfte sicher angezeigt. Wenn Zöllner hier den Hindernislauf durch beamtenrechtliche Vorgaben bewältigt – dann dürfte ihm der Erfolg sicher sein.

Dr. Peter Hübner, , Berlin-Lichtenrade

Schulreform im Marketing-Stil? Hochgehalten werden Inspektion, Evaluation, wissenschaftliche Begleitung und vor allem Fortbildung. Demnach gibt es bereits eine ganze Schar von Schulexperten, die es besser wissen und vor allem besser können. Woran liegt es dann, dass der Bedarf an „Qualitätsoffensiven“ dramatisch gestiegen ist? Etwa daran, dass sie sich abgehoben perfekten Modellen der „guten Schule“ widmen dürfen, statt in der Praxis mit den Trübungen der sperrigen Realität klarkommen zu müssen?

Immer wenn eingefleischte Verfechter einer „Theorie“ oder eines „Systems“ feststellen, dass es mit der „Umsetzung“ in der Realität hapert, neigen sie dazu, die Mängel dieser Wirklichkeit anzulasten und die, die die Realität zu meistern haben, mit Appellen, Ratschlägen und Mitteln aus ihrer Theorie-Apotheke zu traktieren. Die aufs Korn genommenen Mängel sind aber eine Kehrseite der Reformkonzepte für „Schulentwicklung“ und „Qualitätsverbesserung“ und in deren Milieu gewachsen. Die Inspektionen z.B. gewinnen Aussagen über Qualitäten der Schulen überwiegend aus dem Nebeneinander quantifizierender Einzelmessungen und vernachlässigen komplexe Strukturen. So können pädagogische Leistungen kaum gewürdigt werden.

Nun sollen laut Senator Zöllner Hilfen und Wertschätzung groß geschrieben werden. Man darf gespannt sein. Es geht nämlich nicht in einer Sicht von oben nach unten, mit Druck und schematischen Standards. Der Senator holt sich Expertenrat aus derselben Verwaltung, die am liebsten der Basis, „schwachen“ Lehrern und Schulleitern, die Schuld an der Misere geben möchte. Wenn es hakt, werden konkrete Konzepte kaum mehr in den Ämtern entworfen; die sollen die Schulen selber liefern und sich von oben genehmigen lassen. So steht Reformpolitik noch auf dem Kopf.

Martin Reimann, Berlin-Lichterfelde

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