Meinung : Peru: Große Krise, kleine Hoffnung

Armin Lehmann

Es mag dem fernen Betrachter nicht so erscheinen, aber die Wähler in Peru haben ein erstaunlich differenziertes, ein sehr klares, wenn auch kein euphorisches Votum getroffen. Sie haben in dreierlei Hinsicht entschieden. Zunächst haben sie denjenigen gewählt, der im letzten Jahr am mutigsten dem diktatorisch regierenden Ex-Präsidenten Fujimori entgegentrat: Alejandro Toledo hat dabei vor allem die Herzen der indigenas, der Ureinwohner Perus, der Ärmsten der Armen gewonnen, auch weil er selbst indianischer Abstammung ist. Die Wähler wollen einen sauberen Neuanfang, der mit der durchaus erfolgreichen Übergangsregierung bereits begonnen hat.

Die zweite Entscheidung liegt darin, auch der älteren Vergangenheit keine Chance mehr zu geben. Alan Garcia hat die Stichwahl verloren, weil er die Peruaner Glauben machen wollte, dass man diese Vergangenheit einfach vergessen könnte. Garcia war schon einmal Präsident Perus, von 1985 bis 1990. Seine katastrophale Regentschaft hat dazu beigetragen, dass ein Außenseiter, ein Demagoge und Populist wie Fujimori Präsident werden konnte. Garcia hat dem Land 5000 Prozent Inflation hinterlassen, eine kaputte Wirtschaft und den Terror, der in Gestalt des Leuchtendes Pfades im Triumph durch das Land marschierte.

Die dritte Entscheidung ist die weiseste: Toledo gleichzeitig einen Denkzettel zu verpassen. Für eine Stichwahl ist es äußerst ungewöhnlich, dass so viele so genannte "weiße Stimmzettel" abgegeben worden sind, Stimmzettel ohne Kreuz. Toledo hat in den letzten Monaten viel Kredit eingebüßt, weil auch er, der Saubere, plötzlich in einen Drogen- und Sexskandal verstrickt gewesen sein soll. Die Zweifel an der Integrität Toledos waren es, die viele Wähler dazu trieben, sich der Stimme zu enthalten.

Und diese Zweifel an der politischen Klasse wirken über Peru hinaus. Denn abgesehen vom erfolgreichen Chile ist Südamerika lange Zeit nicht mehr in einer solchen politischen wie wirtschaftlichen Krise gewesen. In Argentinien herrscht Chaos, weil Präsident de la Rua die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht in den Griff bekommt. Gleiches gilt für Brasilien. Der Wirtschaftspakt Mercosur, mit dem Europa eine Freihandelszone abschließen will, ist auf Grund der politischen Instabilität und der politischen Eiszeit zwischen den Führungsländern Brasilien und Argentinien in großer Gefahr. Überall rumort es kräftig, Warnstreiks bezeugen die Zerrissenheit zwischen Führung und Volk. In Peru haben die Wähler ein Unbehagen, das politische Beobachter pessimistisch stimmt, in ein Votum verpackt. Peru kann nur hoffen, dass Toledo kein Demagoge ist.

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