Meinung : Perversion von Freiheit

Wie sehr die USA der Vorwurf der Folter trifft

Christoph von Marschall

Dies ist die schwerste Krise Amerikas seit Beginn des Irakkriegs. Schlimmer als die mittlerweile weit über 700 toten US-Soldaten, schlimmer als die Nachrichten über Anschläge und Besatzungsfehler, die sich zum „Chaos“-Vorwurf verdichtet haben, schlimmer als der Abzug Verbündeter. Denn mit dem Eingeständnis, dass US-Soldaten Iraker sexuell gedemütigt und physisch gefoltert haben bis hin zur Todesfolge, steht die Legitimation des gesamten Krieges auf ganz neue Art in Frage. Bisher konnte Präsident Bush seinen Bürgern und der Welt sagen: Mag sein, dass wir die Aufgabe unterschätzt haben, dass wir mehr Opfer bringen müssen als erhofft, dass wir Fehler machen. Aber das alles geschieht für einen guten Zweck: Die Iraker wurden von einem Regime befreit, das folterte und mordete. Was zählt das noch, wenn jetzt herauskommt, dass auch die „Befreier“ vergewaltigen und foltern?

Niemand durfte annehmen, dass solche Verbrechen ausgeschlossen sind. Menschen, die dazu ausgebildet werden, andere zu töten, sind in permanenter Gefahr, die antrainierten Fähigkeiten zu missbrauchen. Und die psychologische Schranke sinkt, wenn sie in der Fremde eingesetzt werden, wo sie den sittlichen Normen des gewohnten Umfelds entzogen sind. Krieg und Besatzung sind Ausnahmesituationen. Aber gerade das erlegt Demokratien die Verantwortung auf, nur im unvermeidbaren Ausnahmefall Krieg zu führen und Länder zu besetzen – und ihre Soldaten dort in besonderer Weise zu betreuen und zu kontrollieren. Für Amerika scheint Krieg etwas zu Normales geworden sein.

Hat Amerika das Ausmaß dieser Perversion begriffen? Das muss der Umgang mit dem Skandal zeigen. Die Regierung Bush wirkt stark getroffen. Verteidigungsminister Rumsfeld betont zwar den Unterschied: Unter Saddam war Foltern Alltag, die Opfer zählten Jahr für Jahr nach Zehntausenden; unter US-Besatzung sei es eine beschämende und verdammenswerte Ausnahme. Das ist richtig – und wirkt doch hilflos. Arabische Despotien können nicht der Maßstab sein. Den hat Amerika selbst gesetzt mit seinem Anspruch, eine Demokratie zu sein, die ihre überlegenen Werte exportieren möchte. Bei aller verbalen Gleichsetzerei Bushs oder Amerikas mit wem auch immer – aus Zorn über Auswüchse, Rechtsbruch und Überheblichkeit dieser USA – wissen auch Bush-Gegner ganz gut, wie sehr sich Amerika von Diktaturen à la Saudi-Arabien oder Syrien unterscheidet. Auch deshalb sind Enttäuschung und Wut ja so groß.

Präsident Bush scheint verstanden zu haben, in welch außergewöhnliche Ansehenskrise er und sein Land geraten sind. Er wendet sich an die arabische Öffentlichkeit, bekannt „Fehler“ und verurteilt sie. Das hat etwas fast Rührendes. Er wird sich wohl kaum der Illusion hingeben, dass er die Anti-Amerika-Stimmung, die sich in vielen Staaten der Region zum Hass gesteigert hat, wenden kann. Und doch ist es richtig, dass er es tut. In erster Linie um Amerikas willen. Es muss offen ausgesprochen werden, wie beschämend und verbrecherisch diese Vorfälle nach den Maßstäben unserer Demokratien sind.

Und erst in zweiter Linie in der Hoffnung, dass ein Schuldbekenntnis wenigstens manche in der arabischen Welt zum Nachdenken bewegt. Wann hätte es das dort je gegeben, dass ein Herrscher öffentlich Fehler einräumt – dass überhaupt Vergehen gegen Leib und Leben einzelner Bürger als schweres Verbrechen gebrandmarkt werden? Nur, wenn der Westen sich selbst solche Maßstäbe setzt, wird er auch fragen dürfen, ob die arabische, ob die muslimische Welt auch die Folter ihrer Regime zum Thema macht oder nur dann aufschreit, wenn die Täter Amerikaner sind.

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